Elizas Tochter

„Elizas Tochter“ ist ein Werk von Joan Aiken (1924-2004).  Es erschien 1996 im Diogenes Verlag in der Übersetzung von Renate  Orth-Guttmann. Ich habe das Büchlein in einem öffentlichen Bücherschrank gefunden und mitgenommen. Der Klappentext klang interessant. Zudem passt das kleine Format perfekt in meine Handtasche und empfahl sich damit für die Fahrten mit der U-Bahn.

Eliza

Aus der Ich-Perspektive berichtet die Hauptfigur Eliza über ihr Leben. Sie blickt zurück auf ihre Kindheit, Jugend und die Jahre als junge Frau. Ihre Erinnerungen beginnen im Jahr 1797, als sie drei oder vier Jahr alt ist.

Liz wächst in einem kleinen englischen Dorf namens Nether Othery („Bankertheim“) auf.  Der Ort ist bekannt dafür, dass in ihm besonders viele uneheliche Kinder adeliger „Fehltritte“ in Pflegefamilien aufwachsen. So ist auch Eliza FitzWilliam ein Spross eines unbekannten Vaters und einer Mutter, von der man sagt, sie sei jung gestorben. Oberst Brandon hat das Kind als sein Mündel zur Pflegemutter Hannah Welcome gegeben. Er selbst dient im Heer gegen Bonaparte und weilt nebst Gattin Marianne im Ausland. Das kleine rothaarige Mädchen ist schon sehr früh wissbegierig und aufgeweckt. Sie liest, tagsüber in die Obhut von Hochwürden Dr. Moultrie gegeben, was ihr im Pfarrhaus unter die Finger kommt. Die Umgebung, in der sie größer wird, ist geprägt von rauen Sitten und einem rüden Umgangston. Für Liebe bleibt nicht viel Platz. „Krallenlizzy“ wird sie wegen einer Missbildung an der rechten Hand gerufen.

Die neu geborene Tochter der Gutsherrin Lady Hariot übergibt man der Welcomes Tochter Biddy in Obhut. Die Lady leidet an Kindbettfieber und Depressionen. Alize und Biddys Tochter Polly werden gemeinsam gestillt und wachsen wie Geschwister auf. Eines Tages verkauft Biddy die Tochter der Gutsherrin an fahrendes Volk. Eliza rettet die Kleine buchstäblich in letzter Minute vor einem Leben auf Jahrmärkten. Daraus entwickelt sich eine tiefe Bindung zwischen den beiden Mädchen. Nachdem man Triz aus der Familie nimmt und ins Herrenhaus zurück holt, verbringt auch Eliza ihre meiste Zeit dort. Sie wird gefördert und geschult.

Lady Hariot wird nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Squire Vexford enterbt, verlässt mit ihrer Tochter Triz England und reist zu ihrer Schwester nach Lissabon. Der jüngere Bruder Vexfords hat das Herrenhaus zugesprochen bekommen und wird für Liz, die er als Monster bezeichnet, gefährlich. Lady Harriot drängt zur Abreise und gibt den Anwälten des Oberst Brandon einen Empfehlungsbrief mit. Dort beschließt man, das junge Mädchen, das gut singen und Klavier spielen kann, nach Delaford zu Elionor Ferrars und ihrem mürrischen Mann Edward zu bringen. Mrs. Ferrars ist Oberst Brandons Schwester. Nach kurzem Aufenthalt dort schickt man sie nach Bath in ein Pensionat. Im kleinen Institut Mrs. Haslams wird sie mit 50 anderen Schülerinnen ausgebildet und bekommt dort auch später eine Anstellung als Klavierlehrerin. Während dieser Zeit wohnt Liz bei einer Verwandten der Ferrars, Mrs. Montford Jebb, einer etwas schrulligen Person, mit deren Eigenarten sie aber umzugehen versteht. Ihre Musikalität versetzt sie in die Lage, bei Konzerten aufzutreten. Die kurze Bekanntschaft mit ihrem Verehrer Harry Finch-French endet in einem Desaster. Liz entgeht in letzter Minute einer Vergewaltigung, aber nicht dem anschließenden Rufmord. Sie verlässt Bath und kehrt nach Delaford zurück. Dort erfährt sie endlich von ihrer Base Elionor mehr über ihre Mutter, die auch Eliza hieß. 

Als es Mrs. Jebbs gesundheitlich nicht mehr gut geht, holt der Diener Liz zurück nach Bath. Nach dem Tod von Mrs. Jebbs macht sie sich – nun quasi ohne Dach über dem Kopf – gemeinsam mit dem Dienstmädchen Pullett auf den Weg nach London und auf die Suche nach ihren Wurzeln. 

Der (berühmte) Zufall hilft, denn sie lernt den altehrwürdigen Herzog von Cumberland kennen. Es stellt sich heraus, das er ein glühender Verehrer ihrer leiblichen, wenige Jahre zuvor verstorbenen Mutter war. Die Ähnlichkeit mit ihr und ihre musikalische Begabung lassen den Duke auch zu Liz‘ Gönner werden. Sie zieht zu ihm ins große Haus nach Zoyland und wird Teil der „feinen“ Gesellschaft“.

Als Liz im Sommer 19814 einen Hilferuf von Lady Hariot aus Portugal erhält, reist sie ihr nach. Dort erlebt sie einige (haarsträubende) Abenteuer, begegnet ihrem Vater Willougbhy und kehrt schließlich nach England zurück. Als Erbin eines großzügigen Vermögens, das ihr der inzwischen verstorbene Herzog überlassen hat und mit lebenslangem Wohnrecht auf Zoyland…

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Die Story um die ungewöhnlich emanzipierte junge Frau, die sehr selbstbewusst und sympathisch wirkt und das Herz auf dem rechten Fleck hat, las sich fließend hintereinander weg und hat mich beim Lesen gut unterhalten. Entgegen meiner ersten Befürchtungen ist es kein schmalztriefender  Liebesroman, sondern beschreibt eher die gesellschaftlichen Zustände der damaligen Zeit. Der offene Ausgang lässt mich nach 371 Seiten allerdings ziemlich ratlos zurück…

(Für Daggis Buch-Challenge 2015  habe ich nun den Punkt 15 „ein Buch, das in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielt“ erledigt.) 

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Das „Wanderbuch“ wird nun wieder in die große, weite Bookcrossing-Welt entlassen. Möchte es jemand von Euch lesen?

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18 Antworten zu Elizas Tochter

  1. Inch schreibt:

    liest sich sehr komplex

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  2. AndiBerlin schreibt:

    Ja, ich muss Inch da zustimmen. Klingt alles recht komplex.
    Selbst bin ich ja kein Freund solcher Geschichten wie sie in England zu dieser Zeit spielen.
    Irgendwie musste ich bei Deiner Beschreibung an diesen herrlichen Loriot Sketch denken, welcher von Evelyn Hamann so wundervoll gespielt wird. 🙂

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    • Frau Tonari schreibt:

      Hahaha. Ja, das passt. 😆
      „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham, ferner ein Onkel von Lady Hesketh-Fortescue, der 79-jährige Jasper Fetherston, dessen Besitz Thrumpton Castle zurzeit an Lord Molesworth-Houghton, einem Vetter von Priscilla und Gwyneth Molesworth, vermietet ist.“ (aus „Die englische Ansage“ von Loriot)

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  3. minibares schreibt:

    Das Buch scheint super zu sein.
    Ja die Verhältnisse damals. Und die Adligen mit ihren Hinterlassenschaften.
    Toll beschrieben, danke dafür.

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  4. Myriade schreibt:

    Also, nein, da muss ich Inch widersprechen, die Beschreibung liest sich doch ganz flüssig und man kennt sich auch aus

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  5. Ingrid schreibt:

    Aiken soll wohl sehr von Jane Austen beeinflusst sein. So klingt es auch nach deiner Beschreibung. Ehrlich gesagt, das wäre nichts für mich.

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    • Frau Tonari schreibt:

      Ja, ist quasi ein Fortsetzungsroman 😉
      Nun, zu meiner Lieblingsliteratur zähle ich solche Werke auch nicht unbedingt. Dennoch hat es mich kurzweilig unterhalten. Ich neige nämlich dazu, Bücher auch unausgelesen wieder weg zu legen.

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  6. fernwehheilen schreibt:

    Ich liebe diese englischen verwickelten Geschichten und auch die Schriftstellerinnen aus dem 18. und 19. JH (obwohl Aiken ja gar nicht dazu gehört, sie greift nur die entsprechenden Themen und Personen auf). Erstaunlicherweise sind die Frauen in diesen Romanen oft ziemlich emanzpiert, oder reflektieren ihre Ohnmacht oft erschreckend genau.

    Gerade das 18./19 Jh. hat unglaublich starke Frauen hervor gebracht, die bei weitem nicht die Möglichkeiten hatten, wie wir sie heute haben, und trotzdem alles gegeben haben, um sich Freiheiten zu erkämpfen und sich in einer meist ziemlich brutalen Männerwelt zu behaupten.

    Bücher über solche Frauen und ihre teils unglaublichen Lebensleistungen mag ich sehr viel mehr als Bücher von Journalistinnen, die sowieso schon priviligiert leben, sich dann mit einem fetten Geldgewinn von 500.000 € eine Weltreise leisten und darüber berichten, als wäre das eine persönliche Leistung.

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    • Frau Tonari schreibt:

      Wenn die Literatur über diese unglaublich starken und selbstbewussten Frauen auf biographischen Tatsachen beruhen, dann sitze auch ich ganz ehrfurchtsvoll vor den Zeilen. Aber ich denke, die Eliza des oben beschriebenen Romans ist eine Kunstfigur, der schnell einiges anzudichten ist, was sie und heutigen Frauen sympathisch werden lässt.
      Den Unterschied muss man wohl machen.
      Was die Texte der von Dir zuletzt beschriebenen Frauen betrifft, bin ich da gespalten. Immerhin reisen sie und spielen nicht mein Auto, mein Haus, mein Pferd, meine „ich-bin-so-edel“-Spende. Klar, Selbstdarstellung spielt auch immer eine Rolle bei diesen Büchern. Aber ich finde, da dürfen gerade wir Blogger nicht mit Steinen werfen 😉

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  7. Elke schreibt:

    Danke für die ausführliche Beschreibung. Man bekommt einen guten Eindruck, auch ohne dass du zuviel verrätst. Das Buch hört sich wirklich interessant an. Ich werde es mir mal vormerken.
    Herzliche Grüße
    Elke
    _____________________________
    mainzauber.de/litblog

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