Tochter des großen Stromes

In diesem autobiographischen Buch beschreibt Hong Ying vor allem ihre Kindheit und Jugend, die geprägt sind von bitterer Armut und Hunger.

Geboren wird sie 1962 als sechstes Kind einer bettelarmen Familie und wächst in einem Elendviertel Chongqings am Südufer des Yangtse auf.  Schon früh spürt sie, dass sie in der Familienkonstellation eine besondere, leider nicht geliebte Rolle einnimmt.

„Ich spürte, daß ich wahrscheinlich eine große Enttäuschung für sie war, etwas, das besser nicht in diese Welt gekommen wäre und mit dem sie nun nichts anzufangen wußten.“

Ihre Brüder und Schwestern, Vater und Mutter tragen in dem Roman keine Namen. Älteste Schwester, Fünfter Bruder, Vierte Schwester. Das mag landestypisch sein, wirkt beim Lesen zusätzlich sehr distanziert.

In den Slums – detailliert werden die Verhältnisse beschrieben –  wird denunziert, herrscht Misstrauen und Neid, Aberglauben und Hass. Und parallel gibt es offenbar ein Familiengeheimnis.

Ihr 18. Geburtstag wird schicksalhaft.  Sie löst nach und nach das Rätsel um ihre Herkunft und lernt ihren leiblichen Vater kennen.

Die junge Frau verliebt sie sich in ihren bereits verheirateten Geschichtslehrer, der sie ernst nimmt und ihr die Literatur näher bringt. Er selbst trifft sich mit Gleichgesinnten, um Bücher zu besprechen,  interessante Themen zu diskutieren und in einem umgebauten Radio feindliche Sender zu hören. Später wird er sich, vielleicht aus Angst, in ein „Studiengruppen-Gefängnis“ geworfen zu werden und ohne Abschiedszeilen zu hinterlassen, erhängen. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag verlässt Hong Ying ihren Heimatort. Sie entdeckt ihre Schwangerschaft und entscheidet sich angesichts der Umstände für eine Abtreibung. Einzelheiten dieses brutalen Aktes bleiben dem Leser nicht erspart.

Anschließend macht die Autorin eine Ausbildung zur Buchhaltungsassistentin. Sie reist viel durch das Land, schreibt Gedichte und Geschichten, mit deren Veröffentlichung sie ein wenig Geld verdient.  Die schließt sich Mitte der 80er Jahre der Bewegung der Untergrundkünstler an.

Die Autobiographie endet im Sommer 1989 quasi auf dem Tian’anmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens und lässt den Leser mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für zurück… (Die blutige Niederschlagung des Protestes der chinesischen Demokratiebewegung bleibt mir dennoch im geschichtlichen Gedächtnis.)

Das Buch liest sich flüssig, auch wenn mir die zahlreichen zeitlichen Sprünge hin und wieder ein wenig Mühe machten. Neben der schonungslosen Schilderung der Familiengeschichte erfahre ich viel über die politischen Verhältnisse und die Lebensbedingungen einfacher Menschen unter Mao und seinen Kampagnen.  Das lässt oft schlucken.

Mit dem Lesen der 315 Seiten des Aufbau Taschenbuches erfülle ich Punkt 51 „ein Buch, das in Afrika, Asien oder Australien spielt“ für Daggis Buch-Challenge 2015.

Da ich das Buch im Juni per Bookcrossing gefangen habe, würde ich es gerne weiter geben. Wenn es jemand von Euch lesen möchte, dann schreibt das doch bitte in den Kommentar.

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8 Antworten zu Tochter des großen Stromes

  1. Myriade schreibt:

    Ich würde das sehr gerne lesen, bin aber an deiner bookcrossing-Aktion (noch) nicht beteiligt bin. Was müsste ich denn dafür tun und crosst du dich auch über deutsche Grenzen hinweg ?

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    • Frau Tonari schreibt:

      Hallo Myriade,
      eigentlich musst Du nichts weiter machen, als mir Deine Adresse zu mailen. Dann schicke ich Dir das Buch gerne zu.
      Es wäre schön, wenn Du das Taschenbuch nach dem Lesen wieder in die freie Wildbahn entlässt und mir vielleicht sagst, wann und wo das passiert ist. Bookcrossing ist nicht meine spezielle Aktion. Das gibt es nahezu weltweit. Mir gefällt die Idee, gelesene Bücher auf eine unbekannte Reise zu schicken und zu gucken, ob sie irgendwann irgendwo wieder auftauchen.

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  2. Elke schreibt:

    Das klingt wirklich sehr interessant. Ich musste schnell mal nachgucken, wann in China die Ein-Kind-Ehe eingeführt wurde. Das war tatsächlich erst Ende der 1970er Jahre. Das mit dem Bookcrossing muss ich mir erst einmal angucken. Aber da ich eigentlich nur noch auf dem KIndle lese, ist das vermutlich eher nichts für mich.
    Lieben Gruß
    Elke
    ______________________________
    mainzauber.de/litblog

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  3. minibares schreibt:

    Leicht war das Familienleben für die meisten wohl nicht.

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  4. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Das Buch würde ich auch gern lesen; aber da war jemand schneller.
    Das andere Buch geht demnächst weiter zu Anna-Lena-

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  5. Pingback: Daggis Welt » Blog Archive » Daggis Buch-Challenge 2015 – das war der Juli

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