hidden places

Nikolajew_Siedlung_1Vor drei Jahren hatte ich schon einmal aus der Siedlung meiner frühen Kindheit berichtet. Nun sind Heike und ich in der vergangenen Woche noch einmal dort gewesen. Einen sprichwörtlichen Katzensprung von Ahrenshoop aus, wenn man versteckte Plätze fotografieren möchte.

Die Aufnahmen ähneln sich. Noch immer ist nur ein Haus bewohnt, die anderen sind verlassen.

Na klar, wir werden (natürlich) argwöhnisch beäugt, als wir dort so uneingeladen durch das Gelände streifen und Aufnahmen machen. Ein älterer Herr und eine in etwa gleichaltrige Frau bringen demonstrativ den Müll weg.  Sie beobachten, wie ich durch das hohe Gras stapfe, die Kamera im Anschlag. Grüßen muss natürlich ich zuerst. Das gehört sich schließlich als Fremde so. Ich halte die neugierig-auffordernden Blicke nur schwer schweigend aus und füge hinzu, dass ich vor vielen Jahren hier mit meinen Eltern gelebt hätte und nun mit einer Freundin auf Memory-Tour sei. Ach? Ziemlich unverblümt kommt die Frage „Wer sind Sie denn?“  Ich nenne meinen Mädchennamen und, dass wir bis Anfang 72 in der jetzt leer stehenden Nummer 6 unten links gewohnt hätten. Ach? Wir smalltalken, weil ich mich drauf einlasse. Ich erfahre, dass hier aktuell noch 8 Erwachsene und zwei Kinder nebst 3 Hunden und zwei Katzen (oder war es umgekehrt) wohnen. Ein belgischer Investor hat die „Anlage“ von der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Barth für eigentlich eher symbolische 75.000 € erworben und nun die Absicht hat, zu renovieren und neue Mieter oder Eigentümer hierher zu holen. Die zum Militärobjekt gehörenden ehemaligen Kasernen, in denen erst Asylbewerber und später Obdachlose untergebracht waren, sind inzwischen abgerissen. Das Gelände wurde beräumt und aufgeforstet. Er selbst diente hier seit 1969, seine Frau war zunächst in der Poststelle, dann bei der MHO (Militärischen Handelsorganisation) und später im Verpflegungsdienst, also in der Küche beschäftigt. Nun ist er quasi der Hausmeister für die leer stehenden Häuser, lüftet und guckt nach dem Rechten. Leider kann ich ihn nicht überzeugen, mich in unsere alte Wohnung zu lassen. Kurios, denn wenn ich es richtig verstanden habe, war er unser Nachmieter, nachdem wir dort ausgezogen sind. Inzwischen wohnt er aber in einem anderen Block. Komisch für mich, dass er sich zwar sehr deutlich an meine Eltern erinnert, aber ihnen keinen Gruß ausrichten lässt.  Komisch, dass er auch nicht nach ihnen fragt.  Komisch, dass er auch seinen Namen nicht „outet“.  (Inzwischen habe ich aber dank Internetrecherche das „Geheimnis“ lüften können.)  Es fliegen noch ein paar Namen hin und  her, die mir und ihm vertraut sind. Dann verabschieden wir uns…

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26 Antworten zu hidden places

  1. ute42 schreibt:

    Seltsame Reaktion dieses Mannes. Warum hat er dich nicht in die Wohnung gelassen? Hast du denn herausgefunden, ob er wirklich euer Nachmieter war?

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  2. vivilacht schreibt:

    wirklich komisch.
    Das habe ich eigentlich nie mehr versucht, in die Wohnung zu schauen, in der ich aufgewachsen bin. Von unten habe ich es immer wieder mal gesehen.

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  3. Clara Himmelhoch schreibt:

    Wer lässt schon gern an dem Dreck am eigenen Stecken kratzen! :-) – Wer weiß, was der zu DR-Zeiten so alles ge- und betrieben hat. Der wollte einfach nicht an seine (unrühmliche) Vergangenheit erinnert werden.

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  4. minibares schreibt:

    Die Überraschung war für ihn wohl zu groß.
    Die halbe Wäscheklammer auf der Leine, die ist DER Hit.

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  5. Myriade schreibt:

    Sehr poetische Bilder !

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  6. franhunne4u schreibt:

    Ich bin eigentlich ganz froh, nicht mehr zurück an die Orte meiner Kindheit zu gehen. Das Haus meiner Großeltern, in denen ich in der Zeit vor der Schule aufwuchs, steht noch, eine angeheiratete Verwandte wohnt darin (Haus gehört jetzt dem Stiefsohn, der mit seiner Frau auseinander lebt), Haus hat sich verändert … Das Haus, in dem meine Eltern gewohnt haben, als wir umgezogen sind, liegt in einem kleinen Kuhkaff und war schon damals baufällig. Das Haus, in dem ich dann die meiste Zeit meiner Jugend verbrachte, gehört meinen Großeltern, bis es meine Oma verkauft hat, dort wird sich auch viel verändert haben, da das Haus jetzt einer Familie mit mindestens 4 Kindern gehört! Und das Haus, das meine Eltern mieteten in der Stadt, in der ich aufs Gymnasium gegangen bin, war ein umgebautes Bahnwärterhäuschen und auch älter. Das wurde auch irgendwann mal umgebaut. Das letzte Haus, das meine Eltern bewohnt haben, war ein gekauftes, später zwangsversteigertes Haus – in dem sich schon der Vorbesitzer das Leben genommen hatte. Es war ein wenig gruselig … Davon träume ich noch manchmal … Nein, alles gut, muss keinen Ort wiedersehen.

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  7. Anna-Lena schreibt:

    Merkwürdig, dieser Typ.
    Was ging in dir vor an diesem doch eher trostlosen Ort?
    Wir sind autobahnmäßig vor zwei Stunden bei dir vorbeigefahren, ich hoffe, du hast mich winken gesehen ;-) :-) .

    Mit liebem Gruß,
    Anna-Lena

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  8. regenbogenlichter schreibt:

    Verfall hat auch seine Reize. Und vielleicht hat der Mann sich nicht gut mit deinen Eltern verstanden? Dass er sich gut erinnert, heißt ja nicht, dass man sich mochte.

    Liebe Grüße
    Ute

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    • Frau Tonari schreibt:

      Möglich. Dass er sich erinnert, kann auch mit Antipathie zu tun haben. (Ich hätte ja nachfragen können.)
      Ich erinnere mich auch noch an diesen und jenen Stinkstiefel aus früheren Jahren :lol:

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    • paradalis schreibt:

      :-) Ich muss jetzt so lachen. Das ist so treffend, das dachte ich auch, als mir Frau Tonari das Gespräch schilderte. Ich hätte wohl direkt nachgefragt, aber das Risiko, dass uns der Herr fluchend vom Waldboden jagte, und uns nicht einmal mehr gestatten würde, Blümchen und Bienchen zu fotografieren, war zu hoch. Das schätze Frau Tonari schon richtig ein. :-)

      – Mensch! Jetzt schreibe ich mich hier fest, dabei bin ich doch mitten im WohnungswechselUmzugsstress. :-) Schönen Sonntag wünsche ich euch allen!

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  9. Elke schreibt:

    So seltsam, wie du das beurteilst und wie sich hier andere ihre Gedanken drüber machen, finde ich das eigentlich nicht. Irgendwie unterstellt ihr dem Mann alle nur Negatives – warum eigentlich? Er kannte dich vorher nicht, auch der Bezug zu deinen Eltern ist lange her – ihr seid im Grunde Fremde für ihn. Seine Frage „wer sind Sie denn?“ findest unverblümt? Ich finde das völlig normal. Hast du ihn denn nicht gleich darauf auch nach seinem Namen gefragt? Da hätte er doch antworten müssen. Irgendwie schwingt hier unterschwellig etwas mit, was ich nicht verstehe. Aber so ganz neu ist es mir auch nicht. Ich bin ja seit vielen Jahren mit einem Ex-Leipziger verheiratet und oft genug „drüben“. Aber dieses Misstrauen, wenn jemand mit der Kamera rumläuft, das findest du auch im Westen. Oft ist es Angst, wovor auch immer.
    Lieben Gruß
    Elke

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  10. paradalis schreibt:

    Da ich dabei war – also erst aus der Ferne, im Gras liegend Spinnen fotografierend – ich fand ehrlich gesagt, dieses Ehepaar auch ein wenig hm … na ja. :-) Ich unterstelle ihnen keinesfalls etwas Negatives, sondern schlichtweg „Besitzdenken“. Das ist nichts Negatives, wenn man ewig an einer Stelle wohnt, alles wie seine Westentasche kennt, hat man sozusagen „Wegerecht“, auch wenn es kein Eigentum ist. Ehrlich gesagt, bewunderte ich Frau Tonaris Geduld und Höflichkeit. Obwohl ich durchaus ein sehr höflicher Mensch bin – dieses „Löcher in den Bauch fragen“, unter dem Siegel der hm … ich weiß nicht so recht, wie ich das jetzt ausdrücken soll, ohne höflicherweise das Ehepaar aus der Ferne zu beleidigen, war mir ziemlich suspekt.
    Ok, in die Wohnung hätte ich auch gern zum Stöbern gewollt, ich finde das durchaus interessant, so eine Reise in die Vergangenheit. Interessant finde ich auch, dass das Ehepaar überhaupt den Schlüssel für all die verlassenen Wohnungen hat. Das kenne ich so auch nicht. Wenn einmal Wasser und Strom abgestellt ist, ist es doch ausreichend – dachte ich bisher immer. Wenn ich daran denke, wie viele Wohnungen/Wohnanlagen hier leer stehen – da fällt niemanden ein, selbst in den abgelegensten Waldgebieten, jemanden den Schlüssel für die Wohnungen zu geben.

    Jedenfalls – bevor ich mich hier verplaudere – ich finde es durchaus unverschämt, wenn ich auf einem Grundstück mit so einer Frage angesprochen werde. Wäre die Anlage nicht frei zugänglich, oder wäre das Ehepaar die Eigentümer, dann hätte es anders ausgesehen, dann hätte man von vornherein fragen können. Doch das Grundstück war weder besonders gesichert, noch mit einem Hinweisschild versehen, noch irgendwie abgesperrt.

    Aber das ist wohl auch die Mentalität an der Küste. Manchmal mag ich diese Art, manchmal nicht.

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    • Frau Tonari schreibt:

      Ich finde es sehr klug vom Investor oder dem Vorbesitzer, jemandem die Schlüssel zu geben. Um Schimmel in den Wohnungen zu vermeiden, sollte nämlich immer mal durchgelüftet werden. Allerdings verfällt alles zusehends. Dann nützt auch Schimmelfreiheit nix ;-)
      Ich danke Dir für die Beschreibung der Situation aus deiner Sicht. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

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  11. Dirgis (Sigrid) schreibt:

    Immer wieder spannend solche Zeitreisen.
    Als wir uns vor etwa 3 Jahren 20 Jahre nach unserem Abitur in der Kleinstadt wieder trafen, waren wir auch an unserer alten, jetzt leer stehenden Schule.
    Die verfällt leider auch.
    Das Verhalten des Ehepaares kann man wohl nur einschätzen, wenn man dort war. Man kann nämlich so oder so fragen.

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