STORY-PICS 2014 (47)

In den Jahren 1901 bis 1906 wurde in Bubeneč die erste Kläranlage Prags nach Plänen des Engländers William Heerlein Lindley errichtet, um das Abwasser von 700.000 Einwohnern zu reinigen. Zuvor hatte der Ingenieur bereits rund 90 km Kanalisationsnetz für die Stadt entworfen.
Die Anlage ist als technisches Denkmal weitgehend erhalten, wird von der gemeinnützigen Gesellschaft „Muzeum Stara Cisterna“ betrieben und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden.
Schon von weitem grüßen zwei Schlote am Hauptbetriebsgebäude, auch wenn auf diesem Foto nur einer zu sehen ist. Es sind ein Rauch- und ein Lüftungsschornstein, jeweils 30m hoch, wie ich später erfahre.

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Wir kommen ein wenig zu früh und sind irritiert, da die Eingangstür verschlossen und weit und breit keine Menschenseele zu finden ist. Einen Moment lang überlegen wir, ob wir uns besser hätten vorher anmelden sollen. So schleichen wir zunächst ehrfürchtig um das alte Gemäuer herum, gucken durch die trüben Fenster und warten… Zu unserer großen Freude erscheinen nun zwei tschechische Familien mit Kindern. Wenig später wird die Tür aufgeschlossen und wir stehen in einem Treppenhaus. In einem kleinen Museumsshop befindet sich die Kasse. Gerne entrichten wir unseren Obolus in Höhe von 150 Kronen (rund 5,50 €). Die Tour findet auf Tschechisch statt. Wir bekommen aber, nachdem wir uns „geoutet“ haben, eine mehrseitige Erklärung auf Deutsch in die Hand und dürfen die junge Frau, die uns die kommenden anderthalb Stunden führen wird, gerne auf Englisch befragen.
Zunächst betreten wir die zentrale Halle des Betriebsgebäudes. Die beiden großen Behälter unter der Decke dienten als Reinwasserspeicher. Sie wurden aus dem auf dem Gelände befindlichen Brunnen gespeist.
Ansonsten ist der Saal fast leer. Er wird heute für verschiedene Veranstaltungen, Theateraufführungen, Konzerte oder Ausstellungen genutzt.

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Ein Asynchron-Drehstrom-Elektromotor aus dem Jahre 1920, der nicht sehr gut mit der Feuchtigkeit in den weiter unten liegenden Räumen zurecht kam, fand in der Halle seinen neuen Stellplatz. Transmissionsriemen verbinden ihn mit der von ihm angetriebenen Saugpumpe.

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An den Wänden des großen Raumes hängen schwarz-weiß Aufnahmen, die während des Baus entstanden sind. Eindrucksvoll zeigen sie die schwere Arbeit der Erbauer der Abwasserreinigungsanlage. Ganz besonders gut gefallen mir natürlich die handkolorierten alten Zeichnungen und Schnittdarstellungen, die im Nebenraum zu sehen sind.

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Wir steigen in den Keller hinab und stehen mitten im ursprünglichen Chemikalienlager, das später als Kesselraum genutzt wurde.

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Wir gelangen in einen Raum, in dem sich ein Wasserrad befunden hat. Es wurde durch das zuströmende Abwasser angetrieben. Leider erinnere ich mich nicht mehr, welche Funktion es einmal hatte. Könnte sein, dass über das Rad der Ventilator für die Be- und Entlüftung der unterirdischen Räume angetrieben wurde.

Die Räume und Kanäle wurden aus speziell für den Kanalbau hart gebrannten Ziegeln gemauert. Um ihnen eine hohe Festigkeit zu verschaffen, brannte man die Klinker doppelt. So sind sie gegen aggressive Medien beständig und weisen eine hohe Abriebfestigkeit auf. Eigenschaften, die man unter permanentem Feuchtigkeitseinfluss gut gebrauchen kann.

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Auf dem Foto ist die inzwischen zugemauerte Einmündung einer der drei Zulaufkanäle zu sehen, über die täglich rund 160.000 m³ Abwasser in die Reinigungsanlage flossen.

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Im nebenan liegenden Raum wurde das Abwasser über einen Rechen geleitet. Hier fing man quasi die größeren ankommenden Dinge ab: Lappen, Blätter, Äste, tote Tiere. Das Rechengut wurde dann auf eine Deponie gebracht. Zunächst war dies ein Knochenjob. Später halfen Aufzüge und eine werkseigene Schmalspurbahn beim Transport. Bis 1947 musste man die Rechen manuell reinigen. Danach wurden neue, nun elektrisch angetriebene Rechen eingebaut.

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In der Mitte des Raumes befindet sich der 6 Meter tiefe Sandfang. Hier setzten sich der im Abwasser mitgeführte Kies, Sand und diejenigen Stoffe ab, die es noch durch die Rechenstäbe geschafft hatten. Mit Hilfe einer Pumpe brachte man die abgesetzten Stoffe in einer Sandwäsche, der sich hinter dem Gebäude befand. Nach der Reinigung wurde der Sand anschließend als Baumaterial wieder verkauft.

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Aus dem Sandfang kommend, verteilte sich das Abwasser über zwei Kanäle und eine Art Einlaufgalerie in zehn unterirdischen Absetzbecken.

Bubenec_7(Wir laufen durch diesen wunderschön gemauerten Verbindungskanal. Spätestens jetzt wird klar, warum feste Schuhe ein Muss für die Besichtigung sind. )

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Die Fließgeschwindigkeit verlangsamte sich, so dass sich der feine Schlamm absetzt. Die Becken sind jeweils 87 m lang. An der tiefsten Stelle, dem Schlammfang, sind sie 6 Meter tief.
Zum Säubern hat man die Absetzbecken regelmäßig paarweise entleert und den sedimentierten Schlamm abgepumpt. In den Sommermonaten wurde der Schlamm in sogenannte Schlammschiffe und über die Moldau als Dünger zu Landwirten gebracht. Im Winter, wenn die Landwirtschaft den Schlamm nicht abnahm, lagerte man ihn auf der Císařský ostrov, der Kaiserinsel,  zwischen.

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Das in drei Stufen mechanisch gereinigte Abwasser floss aus den Absetzbecken über Abflusskanäle in die Mitte der Moldau. Der Wirkungsgrad der Anlage lag ohne den Einsatz von Chemikalien bei rund 40 bis 45 %.  (Zum Vergleich: Heute schafft man 90-95%.)

Nachdem wir aus dem Untergrund wieder an die frische Luft steigen, blicken wir noch einmal auf die Betriebsgebäude zurück. Unter der Rasenfläche sind übrigens die Absetzbecken „versteckt“.  Bereits in den 1920er Jahren reichte die Kapazität der Anlage für Prag nicht mehr aus, so dass erweitert werden musste. 1967 erhielt die Stadt ein neues Klärwerk.

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Neben den eigentlichen Anlagen, die für die mechanische Reinigung des Abwassers erforderlich sind, lassen ein paar Dinge mehr unser Herz höher schlagen. Im Maschinenraum schnuppern wir nämlich den Duft warmen Schmieröls. 1903 lieferte die Firma Breitfeld & Danek die heute noch funktionstüchtigen Kolbenpumpen.

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Im Nebenraum stehen wir vor der (Flammrohr-)Kesselanlage, die für das Betreiben der Dampfmaschinen erforderlich ist. Geheizt wurde mit Kohle, die man mit Pferdewagen vom Bahnhof holte. In einer zwölfstündigen Arbeitsschicht musste der Heizer bis zu 3 Tonnen Kohle schippen und die Asche entsorgen. Und das bei Temperaturen bis zu 45 °C. Definitiv kein Traumjob.

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Wir bedanken uns für den kurzweiligen Rundgang und freuen uns auf ein kühles Prager Bierchen. ;-)

Bisher erschienene Worte:

Wasserhahn, Trinkwasser, Hydrant, Rohr(e), Brunnen, Wasserturm, Wasserzähler, Wasserflasche, Schacht, Baustelle, fließen, Wasserfilter, Eimerkette, pumpen,
Wasser marsch!, waschen, sprudeln, Tropfen, nass, Wasserwerk, TrinkbrunnenRegen, feucht, gießentrinken, Talsperre, Kanalisation, SchachtdeckelStraßenablauf, Wasserbär, Druckerhöhungsstation, SchieberKaskadeTrinkwasseraufbereitung, FontäneGrundwasserabsenkungArmatur(en), Abfluss, Sielwesen, Pegel, Beschilderung, Wasserbau, Zapfstelle, Wasserkunst, Rohrnetz, Brückenleitung, Kläranlage 

Was soll das? 

Bei Sandra startete im Januar ein tolles Blogexperiment. Wie es funktioniert und was dabei die Aufgabe der TeilnehmerInnen ist, erklärt sie auf ihrer Seite selbst am besten. Seither versuche ich jeweils sonntags mindestens ein Foto zu zeigen, das mein gewähltes Wort symbolisiert. Dafür gibt es nicht nur eine 5-Cent-Spende an die Adra-Stiftung, sondern am Ende des Jahres eine ganz persönliche Geschichte, die aus meinen bildgewordenene Wörtern geschrieben wird. Eine klasse Idee, die mitzumachen mich reizt(e). Die Teilnehmerliste ist -> hier <- zu finden.

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16 Antworten zu STORY-PICS 2014 (47)

  1. vivilacht schreibt:

    wow, gut dass ich hier nur virtuell mit dir mitgehen konnte. Aber es ist sehr interessant gewesen und die Farben der doppelt gebrannten Ziegel sind wirklich schoen. So richtige Herbstfarben.

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  2. sunny69a schreibt:

    Hallo Frau Tonari,

    was für eine Traumtour und dank dir nun doch komplett in deutsch. DA wäre ich gerne dabei gewesen. In der Halle auf dem ersten Bild könnte ich mir auch einen Kunstausstellung, vielleicht von einem eher schrägen und sehr modernen Künstler vorstellen. Du weißt schon, Gegensatz im Einklang. Bild sechs und neun finde ich von den Farben her unschlagbar, die Maschinen sind echt ein Traum und so hübsch aufgeputzt und auf Backstein stehe ich ohnehin, dass habe ich aber glaube ich schon mehrfach erwähnt ;-).

    Liebe Grüße
    Sandra

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  3. Teamworkart schreibt:

    Wieder mal unglaublich spannend zu sehen, welche Baukunst sich hinter und unter solchen von außen relativ schlichten Gebäuden verbirgt. Ganz abgesehen von der Technik. Ich liebe solche alten Maschinen. Sie versetzen einen immer irgendwie sofort in alte Zeiten. Obwohl das alles noch gar nicht so lange her ist…
    LG Sabine

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  4. anneseltmann2013 schreibt:

    Puh, was für ein tolle Dokumentation!
    Ich selbst hätte aber Angst so tief durch die Kanäle zu gehen…Kindheitstrauma :-D
    Obwohl, mit dir an der Hand würde ich vielleicht doch…;-)

    Hab einen schönen Sonntag

    Liebe Grüße
    Anne

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  5. melliausosna schreibt:

    Ich liebe es ja auch, in solchen Gemäuern Bilder zu knipsen. Man entdeckt so vieles

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  6. monisertel schreibt:

    Liebe Tonari,
    was für ein wunderbar erhaltenes Gebäude. Vielen Dank für diesen virtuellen Rundgang. Ich wäre gerne vor Ort mit dabei gewesen!
    So herrlich gepflegt und genutzt werden wohl nicht viele alte Kläranlagen, gell.

    Angenehmen Sonntag aus dem total vernebelten Rheinland-Pfalz
    moni

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  7. minibares schreibt:

    Ein toller Bericht!
    UND ein Gesicht als ihr wieder draußen seid, die Aufnahme.
    Danke, dass ich hier mitgehen konnte, ohne Schwierigkeiten zu haben.
    Sehr interessant das Alles
    Sonnige Grüße aus dem Münsterland
    Bärbel

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  8. Romy schreibt:

    Also einmal im Leben möchte ich so einen Tour gerne auch mal machen. Eigentlich sieht das ja richtig schön da unten aus, was sicher zu Betriebszeiten nicht ganz so war.

    Die Halle, in der auch Festlichkeiten durchgeführt werden, bildet ein tolles Ambiente.

    LG Romy

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  9. Anna-Lena schreibt:

    Danke für diesen interessanten Bericht, liebe Frau Tonari. Das ist ja eine ganz andere Welt *staun* .
    LG und eine schöne Woche wünsche ich dir :-) .

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  10. Karin Müller schreibt:

    Das sieht alles hochinteressant aus. Gut das ihr eine deutsche Beschreibung erhalten habt. So konntet ihr doch einiges erfahren.
    lg

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  11. alltagsfreak schreibt:

    Eine super Erklärung und Führung durch die Anfänge der Abwasserreinigung. Das Fehlen des Belebungsbeckens / Faulturms, wo die ganzen Stickstoffverbindungen abgebaut werden spricht für belastetes Trinkwasser, was damals wiedergewonnen wurde. Danke für diese historische Führung.

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  12. Inch schreibt:

    Das ist ja mal so was von cool. Und da ich ja neulich im Klärwerk war, wusste ich sogar, wovon Du sprichts. Ist also was hängen geblieben im Inchkopf

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  13. Gedankenkruemel schreibt:

    Danke für den interessanten Bericht und die Fotos.
    Ich hab noch nie eine von innen gesehen.
    Da wäre ich sehr gerne mitgegangen.
    Aber jetzt konnte ich es ja durch dich virtuell sehen.
    Daanke nochmals..

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  14. Julia schreibt:

    Ich mag solche alten Häuser die man begehen kann um sich das anzuschauen.

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