unter Strom

Der Taxifahrer staunt und mag es kaum glauben. Noch nie hat er von diesem Hotel gehört. Ob wir wirklich seiner Existenz sicher sind? Er schüttelt den Kopf und setzt uns am Kaffeehaus ab. Dort sollen wir nämlich den Schlüssel für unsere ungewöhnliche Bleibe im Empfang nehmen. Aber wir sind zu früh. Erst ab 14 Uhr ist das Nest gemacht.  So drehen wir noch eine kurze Runde durch die historische Altstadt von Gräfrath, einem Stadtteil Solingens. Aber es ist kalt und nieselt. Also trinken wir etwas im Kaffeehaus am Markt und warten.  Kurz vor zwei drückt uns die Kellnerin die Rechnung und eine Vereinbarung in die Hand. Wir unterschreiben, zahlen, haben Fragen. Darauf ist sie nicht vorbereitet, zockelt zum Kollegen, fragt dort, übermittelt uns die Antwort, kann auf die nächste Nachfrage nicht antworten, zockelt wieder los… Nach der dritten Frage und einem erneut hilflosen Gesicht müssen wir beide lachen. Stille Post? Nein, wir sind nicht besonders anstrengend, sie ist nur nicht auf Hotelgäste vorbereitet.

Wir schnappen uns unsere Tasche und machen uns auf den kurzem Weg zum kleinsten Hotel Deutschlands. Es ist quasi ein Ein-Zimmer-Hotel für zwei Personen, untergebracht in einer ehemaligen Trafostation.  Cool, oder?

Das Transformatorenhäuschen wurde 1924/1925 errichtet, um Gräfrath mit Strom zu versorgen. Inzwischen ist das Gebäude mit ganz viel Liebe umgebaut und (dafür) mit dem Denkmalpreis der Stadt ausgezeichnet. 

Als wir das Häuschen betreten, sind wir entzückt und spontan verliebt. Ineinander sowieso *zwinker*, aber nun auch in diese Unterkunft. Und wir bedauern, nur für eine Nacht hier bleiben zu können.  Der Vorraum ist winzig. Ein metallener Schaltschrank ist mit zwei Haken versehen. Dort können unsere Jacken bleiben. Direkt vis-a-vis befindet sich das wirklich winzige Badezimmerchen. Für Dusche, Waschbecken, Toilette und Pissoir wurde das Gebäude bis zur Mauer des Klosters Gräfrath erweitert. Die Klostermauer ist quasi die neue Außenwand. Herrlich. Rustikal. Ungewöhnlich. Ich bin verzückt.   Allerdings nicht vom Fußboden im Vorraum. Die  dort gesetzten (Kiesel)Steinchen sehen richtig, richtig  gut aus.  Aber barfuß oder in Strümpfen sind sie ziemlich, ähm „aua“.

Vom Vorraum treten wir links ins eigentliche Zimmer. Dort erwarten uns ein rotes Kuschelsofa voller Kissen, ein gut gefülltes Bücherregal, ein kleiner Tisch mit Stühlen und ein Kamin. Brennholz steht bereit. Die Bedienungsanleitung gibt Handlungsschritte vor. Sie einzuhalten scheint geboten, will man keinen Feueralarm provozieren. (Die Gäste vor uns scheinen das mal ausgetestet zu haben. Wir finden im Gästebuch einen augenzwinkernden Hinweis, dass die Feuermeldeanlage funktioniert.)   Vor dem Kamin entdecke ich einen Kanaldeckel aus Marokko. Mein Kanaldeckelentdeckerherz hüpft. Im hinteren Teil des Zimmers gibt es eine kleine, interessante Küchenzeile mit Kochmöglichkeit. Sekt, Rot- und Weißwein stehen parat. Bier und andere Getränke warten im Kühlschrank.  Man könnte also, wenn man wollte… Aber wir sind abends zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und müssen nicht selbst fürs  leibliche Wohl sorgen.  Ein Tässchen Tee aber, das passt.

Das Zimmer verfügt über eine Empore. Dort befindet sich ein Doppelbett und ein kleiner Schrank. Darin entdecke ich zum Glück ein zweites Deckbett und einen Bezug dafür. Ich mag den besten Hotelbettenmitbenutzer von allen wirklich, wirklich  sehr, aber  bei einer gemeinsamen Zudecke hört erfahrungsgemäß die Freundschaft auf. Ich möchte mich definitiv in meine eigene Daune hüllen. Zumal die Nähe zur kühlen Außenwand provoziert, dass frau sich das kuschlige Federbett bis unter die Nase zieht.  Wär doch blöd, wenn der Liebste dann frieren muss, weil die Decke für zwei immer irgendwie zu kurz ist, nicht wahr?

Von der Empore aus könnte man über eine Art Feuerleiter weiter in den zehn Meter hohen Turm aufsteigen.  Hier entdecke ich zusätzliche Kleiderbügel, also eine Art improvisierten Kleiderschrank. Brauchen wir nicht, aber die Idee gefällt mir.

Fernseher, WLAN, Stereo-Anlage – alles da, wurde aber von uns nicht genutzt. Wir waren wenige Kilometer weiter Gäste einer wunderbaren Geburtstagsfeier. Nach der Party  siegte leider die Müdigkeit über die Romantik. Der Kamin blieb kalt ;-)  Für uns wirklich Grund genug, das Hotel unbedingt noch einmal für mehr als eine Nacht nutzen zu wollen. Die Heizung hat auch ohne die offene Feuerstelle super funktioniert. Wir mussten definitiv nicht frieren. 

Morgens stöbere ich neugierig im Gästebuch. Und freue mich über die Einträge zahlreicher in- und ausländischer Gäste, darunter viele Hochzeitspaare oder Hochzeitstagsfeierer, so wie wir.  Ganz breit gegrinst habe ich über eine Nachricht anlässlich des 28. Hochzeitstages “ Er bringt´s noch immer.“  Herz, was willste mehr?

Frühstücken hätte man ab 10 Uhr im Kaffeehaus können. Für uns zu spät, denn da saßen wir schon im Zug  gen Heimat…

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20 Antworten zu unter Strom

  1. quizzymuc schreibt:

    Das schaut ja wirklich genial aus! Wenn’s mich irgendwann mal nach Solingen verschlägt, steig ich da ab, das muss ich mir unbedingt irgendwo abspeichern!
    Liebe Grüße
    Renate

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  2. Maren und Kai schreibt:

    Da müssen erst Frau und Herr Tonari aus dem fernen Berlin anreisen, um uns (immerhin Ex-) Solinger auf dieses unglaubliche, wunderschöne, besondere und besonders charmante Hotel aufmerksam zu machen! Kannten wir gar nicht. Toll, dass es euch so gut gefallen hat. Ach ja, und das mit der Romantik holen wir dann alle nach. War ja schließlich ne lange, wunderschöne Feier mit euch an dem Abend! :-)

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    • Frau Tonari schreibt:

      Nun ja. Nicht nur ihr kanntest nicht. Nicht einer der Solinger Taxifahrer kannte auch nicht. Immerhin hatten wir ja vier. Hauptbahnhof-Hotel, Hotel-Partylocation, Partylocation-Hotel, Hotel-Hauptbahnhof. Da steckt Potential für den Betreiber drin ;-)
      Eure Feier war so, so, so toll. Wohlfühlparty schlechthin. ;-)
      Und wenn ihr mal wieder ´nen Feiergrund habt oder einen an den Haaren herbei zieht, dann probieren wir auch mal den Kamin aus. Gern auch gemeinsam.

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  3. Myriade schreibt:

    Entzückend ! Aber als Hütte würde ich dieses originelle Domizil nicht gerade bezeichnen :)

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  4. Anna-Lena schreibt:

    Klein, aber durchaus ganz besonders fein :-) .

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  5. minibares schreibt:

    Was man doch alles finden kann, dass Einheimische nicht kennen.
    Klasse.

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  6. allesistgut schreibt:

    Das ist ja wirklich mal eine coole Unterkunft. Gefällt mir auch sehr! Da gibt’s so viele schöne Details. :D

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  7. ute42 schreibt:

    Klasse, was ihr alles findet. Das würde mir auch gefallen. Da werde ich gleich mal googeln.

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  8. vivilacht schreibt:

    das klingt wirklich angenehm und romantisch. Und natuerlich extra fuer dich sogar mit besonderem Kanaldeckel dazu. Die wussten, dass du da mal hinkommen wirst.
    Mein Sohn und Frau haben auch eine angenehme Kinderfreie Nacht verbracht in einem netten Hotel, fuer ihre 11 Jaehrige Hochzeit. Die (fast) schlaflose Nacht habe ich dafuer bekommen mit ihrer Juengsten.

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  9. Inch schreibt:

    Grins. Ich habe erst gelesen und dann Fotos geguckt. Deshalb dachte ich immer: Trafohäuschen? Was da alles rein passt! Das muss riesig sein. Dann die Aufklärung bei den Fotos gucken. Ich hatte immer so diese eingeschossigen Trafohäuschen vor meinem geistigen Auge

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  10. Anette schreibt:

    Noch nie etwas von diesem kuriosen Hotel gehört oder gelesen! Das schaut toll aus. Da will ich hin ;-) …
    In deiner unnachahmlichen Schreib-Art hast du uns mit dorthin genommen …
    Danke für diesen Ausflug.
    Sei lieb gegrüßt, Anette

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  11. Silberdistel schreibt:

    Wow, was habt Ihr da nur Schönes entdeckt? Ich bin ganz hin und weg :-D Das ist ja richtig etwas, das man sich zum nächsten Hochzeitstag merken sollte :-D
    Einfach wunderschön, auch Dein Bericht darüber – wie immer – einfach toll.
    Liebe Grüße von der Silberdistel

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  12. Fjonka schreibt:

    WOW!!!!!!

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  13. steinegarten schreibt:

    Das ist aber ein wunderspannender Bericht über eine wunderschöne Unterkunft – direkt ein Grund, mal nach Solingen zu reisen ;-) Dann mal viel Glück für die nächsten 30 Honeymoons … LG Steineflora

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  14. Pingback: Frau Tonari

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