Wasserbauschule

Das Pförtnerhäuschen sieht aus wie vor 34 Jahren. Allerdings habe ich es mausgrau in Erinnerung, so wie die übrigen Gebäude auch. Kann so gewesen, kann aber auch ein getrübter Rückblick sein. Die Wache ist allerdings unbesetzt. Damals saßen abwechselnd „Lehrlinge vom Dienst“ darin.

WBS_Kleinmachnow_Ich fahre mit dem Auto auf das Gelände. Unbefugten ist dies untersagt. Hm. Ich fühle mich irgendwie ein wenig befugt. Dort, wo heute Parkplätze zu finden sind, stand damals eine (Holz?)Baracke mit Unterrichtsräumen. Meine Kamera im Anschlag laufe ich mit klopfendem Herzen über das immer noch vertraut wirkende Gelände.  So viel scheint nicht verändert.

Im Haus 3 befand sich damals das Internat für die Mädchen. Zweier- bis Viererzimmer. Gemeinschaftsklos und -duschen. Lautsprecher auf dem Flur. Wecken um 5 vor 7 mit  dem Berliner Rundfunk und „Was ist denn heut bei Findigs los?“. (Ich habe diese moraltriefende Hörspielreihe wahrlich gehasst.) Haus 2 links daneben beherbergte die Knaben. Haus 1 war meist den Teilnehmern von Fortbildungskursen vorbehalten. Und ich erinnere mich an ein Arztzimmer darin. Die Mädchen wurden an der Kleinmachnower Betriebsberufsschule des VEB Wasserstraßenbau überwiegend Technische Zeichnerinnen, die Jungs Wasserbauer.  Beides mit oder ohne Abitur.

WBS_Kleinmachnow_1 WBS_Kleinmachnow_2Die Sporthalle, die eigentlich schon seit Jahren einem neuen Mehrzweckgebäude weichen sollte, bekommt gerade neues Parkett. Man haucht ihr also ein zweites, drittes (?) Leben ein. WBS_Kleinmachnow_3

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Der Sportplatz dagegen ist nicht mehr. Wo wir früher vom zynischen Sportlehrer getriezt wurden, haben die Wildschweine so lange ihr Unwesen getrieben, bis man in Sachen Schadensbeseitigung aufgab. Keine Weitsprunganlage, keine 400m-Bahn, keine Tore mehr. Wiese. Friedlich.

Im Hintergrund zwei weitere Gebäude, in denen die Ausbildung statt fand.

WBS_Kleinmachnow_4Die großen Fenster gehörten damals zu den Klassenzimmern, in denen wir an Reißbrettern Blut und Tusche schwitzten.  Ein geliebte Aufgabe gleich zu Beginn:  Mache einen Tuschklecks auf dein Transparentpapier, verreibe ihn und kratze dann das entstandene „Werk“ vorsichtig mit der Rasierklinge wieder ab oder benutze einen Glasfaserradierer. Aber Achtung! Ein Loch darf natürlich auf dem Blatt nicht entstehen.

Jener Glasfaserradierer brachte mir zu Beginn der Ausbildung gleich mal eine richtig „fette“ Nagelbettentzündung ein. Kleine Verletzungen durch die Glasfasern, dann Tusche dazu. Perfekte Inszenierung, die mit dem Ziehen des kompletten Nagels endete.

WBS_Kleinmachnow_5 Die Tür ist offen. Ich gehe vorsichtig, fast schon ein wenig andächtig in das Haus. Irgendwie hatte ich Leerstand erwartet. Aber nein, die Klassenzimmer leben 😉 Im gegenüberliegenden Gebäude findet sogar gerade Unterricht statt. Neugierig beäugen die Schüler durch die Fenster die herumstreunende Unbekannte.

WBS_Kleinmachnow_6

Erinnerungen an verschiedene Unterrichtsfächer kommen auf: Werkstoffkunde, Projektionslehre, Statik/Festigkeit, traditionelles und industrielles Bauen, Hochbau/Bauphysik, Vermessung, Tiefbau, Wasserwesen (Oh, welch Begriff!), Wasserbau, Technische Gebäudeausrüstung (TGA), Wasserversorgung, Abwasserableitung und -behandlung, Sport und – unvermeidlich – Staatsbürgerkunde und Betriebsökonomik/Sozialistisches Recht. Ich erinnere mich an einen Kugelblitz genannten Mann und die Lehrer Piltz, Pusch, Schramm und Lang. Lang, lang ist´s her 😉

stempel

Ich laufe zurück zum Hauptgebäude. Bis 1951 wurde das Fachwerkhaus als „Schleusenkrug“, also als Wirtshaus mit Tanzsaal genutzt.  Später dann brachte man dort neben einigen Klassenzimmern auch die Direktion, die Verwaltung, die Küche und den Speiseraum unter.

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Ich mag dieses schöne Gebäude, das sich gleich neben der Schleuse am Teltow-Kanal befindet.

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WBS_Kleinmachnow_9Tatsächlich. Es gibt sie noch, die Küche mit der Essensausgabe. Nebenan, im ebenfalls unverändert wirkenden Speiseraum herrscht Betrieb. Ich gucke kurz hinein, traue mich aber nicht, ein Foto zu machen.

WBS_Kleinmachnow_10Gegenüber des Ausbildungszentrums befindet sich – wie eh und je – das „Gasthaus zur Schleuse“.  Und noch immer ist der Montag ein Ruhetag. Also wird es heute nichts mit einem Erinnerungsmahl im Haus 4 😉

WBS_Kleinmachnow_Haus-4

Heute ist auf dem Gelände das BBiZ Kleinmachnow untergebracht,  eine Aus- und Fortbildungseinrichtung der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV).  Ich freue mich, dass die Tradition weitergeführt wird.

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27 Antworten zu Wasserbauschule

  1. AndiBerlin schreibt:

    Ach das befindet sich da also auf dem Gelände!
    Als ich noch in Reinickendorf wohnte führte mich mein Weg zur Arbeit jeden Tag an den Gebäuden und der Schleuse vorbei.
    Aber das mit den Ziehen des Nagels wollte ich jetzt nicht lesen… ich habe doch immer alles so bildlich im Kopf, und werde das jetzt bestimmt nicht so schnell los! *grusel*

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  2. Bellana schreibt:

    Ein spannender Ausflug in die Vergangenheit.

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  3. antje schreibt:

    tolle geschichte! soviel erinnerungen! alles sieht gut erhalten und gepflegt aus. mit wasserwesen waren sicher nicht nixen und wassermänner gemeint? 😉

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  4. Higanbana schreibt:

    Jetzt weiss ich endlich, was dass fuer ein komischer Stift war, den meine Mutter hatte. Auf einen Radiergummi haette ich nun wirklich nicht getippt. Danke!

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  5. Clara Himmelhoch schreibt:

    Da ich ja dort ziemlich dicht in der Nähe wohne, bin ich auch schon oft mit dem Fahrrad an der Schleuse vorbeigekommen. Das Gasthaus habe ich dunkel in Erinnerung, mehr aber nicht.
    Diese Glasfaserpinsel hatte mein Ex auch viele und ich hasste das Geräusch auf „Pergament“ oder dieser Unterlage, auf der technische Zeichnungen waren.
    Das war ja wirklich Erinnerung pur – positiv und negativ.

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    • Frau Tonari schreibt:

      Transparent. Das ist Transparentpapier.
      Pergament ist Tierhaut. Auch weil das manchmal auf keine Kuhhaut passte, was wir da so zusammengezeichnet haben, hätte man uns ein so edles Produkt wohl nicht anvertraut.

      (Aus eigener, schmerzlicher Erfahrung kann ich sagen, dass diese Glasfaserdingerchen auch nur ganz schwer raus eitern. *räusper*)

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      • Clara Himmelhoch schreibt:

        Du sagst es, danke, jetzt fällt es mir wieder ein, mein Unterbewusstsein hat auch „Transparent“ gemeint.
        Aber ist denn das Schnitteneinpackpapier dann wirklich „Pergamentpapier“ oder irre ich mich da auch.
        Die abgebochenen oder abradierten Dinger sind wahrscheinlich noch ekliger als Kaktusstacheln in der Haut. – Zum Glück gehen alle, wirklich ALLE meine Finger- und Zehennägel scon Zeit meines Lebens mit mir durch mein Leben – und das darf auch so bleiben.

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        • Frau Tonari schreibt:

          Ich glaube, das Pergamentpapier nennt man nur so. Eigentlich ist es Zellstoffpapier, das mit Hilfe von Chemikalien fettabweisend und feuchtigkeitsresistent gemacht wurde.
          Vielleicht ist es wie bei Tempo-Taschentüchern, die auch nicht alle Tempos sind?!
          http://de.wikipedia.org/wiki/Pergament hilft ein wenig weiter.

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          • Clara Himmelhoch schreibt:

            Mit dem Link hast du mich ja nun völlig verwirrt und mein obiges Geschreibe dann doch bestätigt. Dort steht: „Das heutige Transparentpapier als Träger für von Hand angefertigte technische Zeichnungen wird ebenfalls als Pergament bezeichnet.“
            Gut, dass ich alle Sachen nicht neu erfinden muss, denn ich begreife ja noch nicht einmal die Beschreibung der Herstellung 🙂
            Gute Nacht!

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            • Frau Tonari schreibt:

              Ich sag ja: Umgangssprache, wie beim Papiertaschentuch.
              (Unsere Zeichenlehrerinnen hätten uns bei Verwendung des Begriffes Pergament gekillt. Keine Ahnung, welcher Laie solchen Schwachsinn bei Wikipedia einstellt.)

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  6. Ingrid/bastelmaus ile schreibt:

    Kleinmachnow, das höre ich immer wieder von meiner inzwischen 90Jährigen Freundin. Dort wohnte sie während/nach dem Kriege mit ihrer Familie und war in einem Taubenblindenheim tätig.
    MIR wurden auch mal Nägel gezogen, 1x der Zeigefinder der rechten Hand, später dann beide „großen Onkels“, aber Grund waren Nagelpilzerkrankungen.
    Wie schön, dass Du Deine ehem. Schule „besuchen“ konntest, ich war nach Jahrzehnten mal wieder in Potsdam, wo ich kurze Zeit zur Schule ging bevor wir 1951/52 nach Westberlin flüchteten.
    Da ich allerdings wie gesagt nur kurze Zeit auf dieser Schule und auch erst 9 Jahre alt war, habe ich sie nicht mehr gefunden bzw. nicht erkannt. Selbst Recherchen im Internet und Nachfragen ergaben nichts, schade! Ein Zeugnis aus dieser Zeit gibt es leider auch nicht (mehr).
    Liebe Grüße und ein schönes WE wünscht Dir
    INGRID

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  7. Anna-Lena schreibt:

    So ein Ausflug in die Vergangenheit ist doch etwas ganz Besonders, oder? Danke, dass du uns mitgenommen hast, deine Schilderung ist wirklich spannend und mit den entsprechenden Fotos springt das Kopfkino ganz schnell an.
    Mir wird es in der kommenden Woche so gehen…

    Liebe Grüße
    Anna-Lena 🙂

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  8. Quizzy schreibt:

    Ein wunderbarer nostalgischer Rückblick, nicht ganz ohne Wehmut. Ich hab’s bisher noch nicht geschafft, mich mal wieder in meiner alten Schule umzuschauen, das wäre eigentlich ein grandioser Ausflugstipp!
    Liebe Grüße
    Renate

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    • Frau Tonari schreibt:

      Wehmütig war ich eigentlich nicht. Kommt das so rüber?
      Die Zeit dort mag ich nicht missen, auch wenn es Dinge gab, unter denen ich ein wenig gelitten habe. Die Sanitäranlagen waren beispielsweise eine Zumutung.
      Aber die Ausbildung war in meinen Augen sehr gut, umfangreich, fundiert. Eine hervorragende Basis für mein anschließendes Studium.

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  9. Gedankenkruemel schreibt:

    Danke für diesen interessanten Ausflug.
    Lg Elke

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  10. minibares schreibt:

    Was für eine interessante Wanderung durch deine Vergangenheit, sehr beeindruckend.

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  11. hafensonne schreibt:

    Oha, langsam fügt sich das Bild! Die Gullideckel… die Story Pics… die unterirdischen Expeditionen… die Wasserwerksbestaunungen… kombiniere! Ich wusste nichtmals, dass es in Kleinmachnow eine solche Ausbildungsstätte gab. Hab da immer nur Maxie Wander mit assoziiert. Tja, und das mit der fundierten Ausbildung… es war eben nicht alles schlecht, und gerade in Sachen Facharbeiter“züchtung“ sicherlich eher besser als heutzutage, weil die verschiedenen Ausbildungsstufen besser aufeinander abgestimmt waren (von dem Quatsch mit dem Förderalismus mal ganz zu schweigen), das merke ich auch immer wieder in den Unterhaltungen mit Patienten.

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  12. hafensonne schreibt:

    Diese typische Ostturnhalle hat mich allerdings retraumatisiert…

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  13. Pingback: Frau Tonari

  14. Franka schreibt:

    Was für ein wunderbarer nostalgischer Rückblick, eine Reise in vergangene Zeiten, wo der Anblick der Gebäude Erinnerungen zurück bringt.

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  15. Harald, O70 schreibt:

    Frau Tonari hat einen sehr schoenen Bildbericht geschrieben und hat zugleich denen die dort auch gelernt haben ein wenig Wehmut vermittelt. Wenn ich aber den Blog ansehe bin ich mir nicht sicher, ob das auch alle verstanden haben.

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