vom Parlament und einem Mahnmal

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, vormittags auf dem Gellértberg. Für den Nachmittag haben wir uns zu einer Führung im ungarischen Parlament angemeldet. Himmel, welch ein Andrang. Im Vorraum des Besucherzentrums sammeln sich wahre Scharen von Touristen aus aller Herren Länder mit entsprechend lautstarkem Geschnatter. Kein Wunder, dass die zarten Stimmchen der Guides für die jeweiligen Landessprachen kaum an die Bestimmungsohren durchdringen konnten. Zunächst schickte uns der strenge Kartenkontroletti zurück, weil wir für den obligatorischen Sicherheitscheck 5 Minuten zu früh dran sind. Wir üben uns also in Geduld und plötzlich bekommt er hektische Flecken, denn nun wird es schon fast ein bisschen knapp. Der Parlamentserklärbär (aus Gründen mag ich ihn nicht Führer nennen) für die deutschsprachige Tour war nämlich schon im Losgehen begriffen.

Die Gruppe ist groß, sehr groß. Unser Guide gibt sich wirklich alle erdenkliche Mühe laut und gut vernehmbar zu erzählen. Es ist anstrengend für ihn und für uns. Seine Tour ist abwechslungsreich, mit Daten, Statistiken und Anekdoten angefüllt. Er serviert es mit einem Schuss Humor und sehr viel Charme. Dennoch… Ich muss mich entscheiden, ob ich konzentriert zuhöre (und zumindest die Daten/Zahlen/Fakten eh wieder vergesse) oder die Dinge genieße, die hier so üppig zur Raumgestaltung beitragen und mit den Augen nach Motiven suche. Gut, in Kuppelhalle mit der Stephanskrone und den ungarischen Kronjuwelen darf man nicht fotografieren.  Da hat er wieder mein ganzes Ohr. Zufällig sind wir Zeuge, wie die ansonsten stramm stehende Kronwache gerade ihren Standortwechsel vornimmt. Ab und an dürfen die armen Jungs nämlich auch mal zappeln ;-)

Ähnlichkeiten mit dem Londoner Westminster-Palast sind beabsichtigt, als man das Gebäude  zwischen 1885 bis 1904 im neogotischen Stil errichtet. Sein Architekt, der Ungar Imre Steindl hat er sein vollendetes „Haus“ nie mit eigenen Augen gesehen. Er erblindet und stirbt 1902.

Nach einer Dreiviertelstunde stehen wir wieder draußen. Beeindruckt. Imposante Treppenhäuser, goldene Verzierungen, prächtige Schnitzereien, Wandgemälde, Teppiche, wunderschöne Fensterbilder.  Wer hätte das von außen vermutete?

Dann entdecken wir ganz in der Nähe, auf der Pester Seite der Donau, ein Mahnmal. Eines, an dem die Menschen nicht achtlos vorüber gehen, sondern stehen bleiben, diskutieren, Bilder machen, Blumen und Steine ablegen. Diese metallenen Schuhe am Donauufer (Cipők a Duna-parton) erinnern seit 2005 auf stille, aber erschütternde Weise an die Progrome, die an Juden während der Nazizeit verübt wurden.

Unser Tag endet im Gellert-Bad. Davon gab es ja schon Bilder en masse.

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10 Antworten zu vom Parlament und einem Mahnmal

  1. vivilacht schreibt:

    das eine Kirchenfenster hat sogar einen Davidstern, und gleich danach deine Bilder mit den Schuhen, danke, so etwas hatte ich noch nie gesehen, das beruehrt wirklich

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    • Frau Tonari schreibt:

      Das ist kein Kirchenfester, liebe Vivi. Das ist quasi das Oberlicht in einem der Fenster entlang des Ganges im Parlamentsgebäude.
      Wenn Du auf den Link „Schuhe am Donauufer“ klickst, kannst Du noch mehr über das Mahnmal erfahren.

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  2. minibares schreibt:

    Der Davidstern war mir auch sofort aufgefallen.
    Dazu passen ja dann die Schuhe, sie erinnern mich an Yad Vashem.

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  3. ute42 schreibt:

    Wie tragisch, dass der Architekt sein fertiges Haus nicht mehr sehen konnte.Was für eine Pracht.

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  4. hafensonne schreibt:

    Parlamentserklärbär ist für mich natürlich absolut das Wort des Tages! :-D Und wie immer sehr schöne Bilder, eindrucksvoll, wie prachtvoll man diesen Tempel der Demokratie errichtet hat! Die Ungarn hatten in der k.u.k.Monarchie ja als einziges Volk das Privileg einer eigenen Volksvertretung, wenn ich mich recht entsinne…

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  5. allesistgut schreibt:

    Ich bin zwar etliche Male am Parlament vorbeigegangen, aber war noch drinnen. Ich weiß auch gar nicht, ob das vor 25 Jahren möglich war. Ich bin auch ziemlich geplättet von der Innengestaltung. Das hätte ich nun auch nicht erwartet. Geradezu pompööööööös. ;)
    Liebe Grüße.

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  6. Inch schreibt:

    Oh wow, das Parlament von innen ist wirklich ne Wucht.
    Und das Mahnmal, sehr eindrücklich. Manchmal kann man mit einfachen Mitteln viel mehr erreichen

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  7. Silberdistel schreibt:

    Die Schuhe – das ist beeindruckend. Da wird man sehr nachdenklich, ob man will oder nicht.
    LG von der Silberdistel

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  8. Gedankenkruemel schreibt:

    Davidstern iin diesen Fenster und die Schuhe berühren ganz besonders stark.
    Das ganze Gebäude ist beeindruckend und imponierend.

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