mehr Pest als Buda

Nach dem Frühstück im Hotel beschließen wir, den Donnerstag mit einem gemütlichen Stadtlatschen zu beginnen und schlendern von Buda nach Pest. Über die berühmte Kettenbrücke.  Sie hat sich wahrlich einen Extra-Blogbeitrag verdient und wird daher heute vernachlässigt. Außer die obligatorischen Liebesschlösser. Die dürfen mit ins Bildermosaik. Schon, um zu zeigen, dass es hier wie anderswo ist und die Brückenkonstruktion erfinderisch macht, um ein Schloss anzubringen.

An der Donau entlang laufen wir zum Parlament. Darauf hoffend, im dortigen Besucherzentrum Tickets für eine Besichtigung erwerben zu können. Zunächst aber finden wir die Skulptur des ungarischen Lyrikers József Attila am Donauufer sitzend. Ich kenne ihn und seine Werke nicht, aber das Denkmal am Kossuth-Platz gefällt mir. Direkt daneben beobachte ich ein Kamerateam bei der Arbeit und einen Reporter, der offensichtlich einen festen Standpunkt braucht. Im Besucherzentrum bekommen wir die freundliche Auskunft, dass man Parlamentstouren am besten online bucht und einen Schnipsel mit dem Link zur entsprechenden Seite in die Hand gedrückt. Also schleichen wir einmal ums Parlamentsgebäude und vertrösten uns auf einen der kommenden Tage.

Es ist sind die gusseisernen Türen am Kossuth Lajos tér 15, die ich faszinierend finde und natürlich auf den Chip bannen will.  Kommt ein Handwerker des Wegs und lädt uns ein, dass Haus von innen zu bestaunen.  Danke dafür.

Wir laufen am Imre-Nagy-Denkmal vorbei, begegnen überrascht Herrn Reagan und finden eine kleine, historische Markthalle, in der wir ungarische Wurst und eine mit Sauerkraut gefüllte Gewürzgurke und eine mit gleichem Kraut gefüllte grüne Feige kaufen. Letzteres lassen wir uns auf einer nahegelegenen Parkbank schmecken. Und zwar schneller als ich sie knipsen kann ;-)

Wenige Meter weiter wundern wir uns über die Kerzen, Steine, Schuhe, Fotos und Briefe. Ein Holocaust-Mahnmal? Wir lesen, dass damit hier auf dem Freiheitsplatz gegen ein nagelneues Denkmal demonstriert wird. Es soll an die Besetzung Ungarn durch die Nazis erinnern, ist aber umstritten, da es nach Ansicht der Protestierenden die Rolle Ungarns beim Holocaust herunter spielt.

Die St.-Stephans-Basilika ist unser nächstes Ziel.  Man begann 1851 mit dem Bau der größten Kirche Budapests und weihte sie 1905. Auf dem Vorplatz arbeitet gerade eine Filmcrew. Irgendwas mit (Friedens-?)Tauben, die im Nachgang sanft wieder eingefangen werden.  Im Inneren erwartet uns Prunk. Und die „Heilige Rechte“, eine einbalsamierte Handreliquie des ungarischen Königs Stephan, der im August 1038 starb.

Die Balustrade der Kuppel ist für Besucher gegen einen kleinen Obolus erreichbar. Zum Glück müssen wir nicht die fast 300 Treppenstufen hochschnaufen, sondern dürfen den Lift nutzen. Der Ausblick lohnt die „Mühe“. ;-)

Nachdem wir genug über die Dächer Budapests geguckt haben, streicheln wir dem Schutzmann in der Zrínyi Utca den Bauch. Bringt bestimmt Glück. Herr Tonari lässt sich bei einem kleinen Bauchrausstreckwettbewerb ablichten. Das entstandene Bild wird von mir zensiert und daher hier nicht gezeigt ;-) Nein, nein, betteln hilft nicht! Ich knipse fröhlich weitere Kanaldeckel und dann legen wir im Hotel kurz die Füße hoch. Für den morgigen Tag buche ich noch schnell unsere Besichtigungsrunde durch das Parlamentsgebäude.  Die Rezeption ist so nett und druckt mir die Tickets aus.

Gegen Abend ziehen wir noch einmal los. Zum Keleti, dem Ostbahnhof. Erinnerungen an unseren Aufenthalt 1983 in Budapest kommen hoch…  Ein bisschen Werbung mehr, sonst hat sich wenig geändert. Draußen nieselt es erst, dann werden die Tropfen nachdrücklicher. Ein Drogeriemarkt hat Regenschirme für umgerechnet 3 Euro im Angebot. Ich denke darüber nach, dass sie dafür nicht produzierbar sind. Aber: Es ist (leider) die beste Investition für die kommenden Tage ;-)  Unser Weg führt uns, nun gut beschirmt, in die vom Reiseführer gepriesene Andrássy út, den Prachtboulevard. Nun ja. Vielleicht liegt es an der inzwischen vorherrschenden Dunkelheit. Schaufenster locken mich nie. Aber die Autos, der Krach nerven…  Allerdings bin ich hoch entzückt, die Blumenstände wieder zu entdecken. Vor 31 Jahren stand ich völlig fasziniert auch vor solchen und staunte über die Vielfalt, die Pracht, die Gladiolen…

Ein wunderbares Abendessen rundet den Tag ab. Wir genießen, abendspazieren ins Hotel und fallen ins Bett.

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39 Antworten zu mehr Pest als Buda

  1. Anna-Lena schreibt:

    Danke fürs Mitnehmen, es hat mir sehr gefallen :-) .

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  2. Clara Himmelhoch schreibt:

    Viele Erinnerungen wurden wach, aber vieles ab es damals sicher noch gar nicht. – Die haben ja viele wunderschöne Skulpturen – der Reagan gefällt mir so besser als zu Lebzeiten, und dein Mann hätte sicherlich mehrere Wochen nichts anderes machen müssen als essen, um gegen diesen Schutzmannbauch antreten zu können.

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    • Frau Tonari schreibt:

      Wann warst Du denn das letzte Mal in Budapest?
      Ironischerweise hat Herr Reagan das ungarische Parlament im Rücken und guckt direkt auf ein sowjetisches Ehrenmal… So kann man Skulpturen (von Denkmal mag ich in seinem Fall nicht reden) natürlich auch platzieren ;-)

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      • Clara Himmelhoch schreibt:

        2 x in der Ausbildungs- und Arbeitszeit in Dresden – also zwischen 64 und 68 und einmal ab 78 bis 85, denn da haben wir den Wartburg Tourist gekauft. – Unsere Kinder haben damals Bauklötzer gestaunt.-
        Es könnte sein, dass ich nach der innerfamiliären Trennung in den 90er Jahren noch einmal dort war, weiß ich aber nicht mehr.
        Vielleicht waren das politische Spaßbolde, die ihn absichtlich so platziert haben, den Herrn Ronald.

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  3. ute42 schreibt:

    Schön, mit dir durch die Stadt zu wandern. Lustig, der Schutzmann. Er hat schon einen glänzenden Bauch vom vielen Streicheln.

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  4. hafensonne schreibt:

    Die Markthalle! Mensch! Das ist doch genau die, die ich Dir noch dringend ans Herz legen wollte! Wo ich noch wie ein Ochse nach Markthallen guhgelte, beim Teutates aber nicht mehr wusste, WO diejenige eine war, in die ich einst 1994 geriet und die ich bei einem späteren Besuch ca. 2003 durch ZUFALL wiederentdeckte. So siehtse jedenfalls aus.

    Andrássy út (ich bin begeistert, dass Du die Vokalverlängerungszeichen immer brav beachtest!) – die ist eigentlich schon toll. Noch toller ist aber eigentlich die unter ihr verkehrende Földalatti („Erde-unter“), die älteste U-Bahn auf dem Kontinent. Seid Ihr damit gefahren?

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    • Frau Tonari schreibt:

      Ja, aber erst Tage später. Foto kommt (natürlich). :-)

      Ich freue mich sehr, dass du hier so begeistert mitliest. Das ist Motivation, Du glaubst es nicht.
      Ich drück Dich dafür mal ganz dolle.

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      • hafensonne schreibt:

        Oh Danke, wird gerne angenommen :-) Ich les hier eh gerne mit (und versinke angesichts Deiner Post-Frequenz vor Scham im Boden :-) ), aber Budapest ♥ ; bei Deinen tollen Bildern und Eindrücken bekomm ich glatt Hummeln im Hintern!

        Btw: Wo war denn nu die Markthalle??

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        • Frau Tonari schreibt:

          Die Postfrequenz ist meiner Erkrankung und den damit verbundenen/verordneten Ruhezeiten zu verdanken. Es kommt auch wieder anders.
          Die Markthalle liegt zwischen Hold utca und Vadász utca, schräg gegenüber ist das tolle Postgebäude mit dem bunten Dach.

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  5. Emily schreibt:

    Vor über zwanzig Jahren war ich zuletzt mit zwei Freundinnen in Budapest. Damals war jede von uns mit einem Reiseführer ausgestattet und wir haben die Stadt kulturell auf den Kopf gestellt. Die Markthalle sah damals nicht so zivilisiert aus, wie heute. Diese Stadt hat mich bezaubert. Danke, dass du mich wieder mitgenommen hast.

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  6. minibares schreibt:

    Herzlichen Dank, dass ich mitgehen konnte. Sogar per Lift hoch auf den Turm, genau richtig für mich. Die Aussicht von da oben ist ja echt super.
    Soso, dem Schutzmann den Bauch gestreichelt. Na, ob sowas Glück bringt?
    Eine toller Bild und -Text-Bericht.

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  7. Myriade schreibt:

    Übrigens gibt es in Wien auch eine Kettenbrückengasse und eine gleichnamige U-Bahnstation und die Kathedrale heißt auch Stephansdom :)

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  8. alltagsfreak schreibt:

    Wunderschöne Impressionen! Herrlich, diese wunderbare Architektur! Ja, man könnte sagen Du hast uns mitgenommen!

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  9. allesistgut schreibt:

    Hach, einfach herrlich! Schade, dass das Wetter nicht so gut war. Aber ihr habt das Beste draus gemacht!

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  10. Charis{ma} schreibt:

    Toller Bericht, schöne Fotos –
    du hast mir richtig Lust gemacht, einen Ersttrip nach Budapest zu wagen … ;)

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  11. Gedankenkruemel schreibt:

    Danke fürs mitnehmen…
    Soviel zu sehen und der „umfangreiche“ hats mir besonders angetan..*lach
    So so, du zensierst Herrn Tonari weg, hoffentlich nur bei dem kleinen Bauchrausstreckwettbewerb ;) Ok eh klar das das einmalig war…*schmunzel

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  12. Inch schreibt:

    Ach ja. So schön. Vor drei Jahren habe ich fast den selben Spaziergang gemacht. Nur wäre heißer. Und das Parlament eingerüstet

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  13. vivilacht schreibt:

    der Herr mit dem Bauchrausstreckwettbewerb, der hat es mir angetan, ich verstehe dich, dass du nur ihn und nicht mehr bringst, grins. Ich war ja noch nie in Budapest udn freu mich ueber alle deine Bilder und ueber alles, das du darueber schreibst, danke

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  14. Anikó schreibt:

    Nur so zur kleinen Info, um das Denkmal (dieses mal mit Absicht das Wort) von József Attila einzuordnen. Er ist nach Petöfi sozusagen der zweitwichtigste Dichter Ungarns. Sogar jüngere Leute können seine Verse rezitieren.
    Gladiolen sind für mich totale Friedhofsblumen in Ungarn. Meine Tanten haben auch welche im Garten, die werden aber gefühlt immer nur mit auf den Friedhof genommen *g*

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    • Frau Tonari schreibt:

      Nun ja, ich kenne den Herrn Attila nicht. Nur seinen Namensvetter, den Hunnenkönig ;-)
      Das mit den Gladiolen finde ich interessant. Ich kannte sie damals aus dem Garten meiner Großeltern, aber in einem Blumenladen sah ich sie nie. Und dann gab es in Budapest diese Läden, die so herrlich bunt und vielseitig und richtige Hingucker waren.

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  15. kalle schreibt:

    Liebe Tonari, schade, dass der Wettergott kein stolzer Ungar war, der euch sein Land bei strahlendem Sonnenschein zeigen wollte. Doch auch mit Wolken, habt ihr einiges erlebt. Der Bahnhof kommt mir bekannt vor, damals sind wir dort angekommen :) Bin gespannt, was du über die Kenntenbrücke berichten wirst; wir wurden damals verfolgt, da ich eine auffällige Saschtüte trug, und somit leicht als Touri zu erkennen war. Wir flüchteten dann ins Forum-Hotel – das ist schon sehr lange her….Liebe Grüssle kalle

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