zwei Worte vorab

… oder auch ein paar mehr 😉
Wenn ich dann demnächst über unsere Reise in den Osten des „Landes der unbegrenzten Möglichkeiten“ berichte, dann wird es hier keine Fotos zu Not, Elend und den dunklen Seiten der USA geben. Ich schreibe dies ausdrücklich vorneweg, weil ich befürchte, man wird mir Hochglanzberichterstattung vorwerfen.
Ganz bewusst habe ich mich entschieden, das Objektiv nicht auf Obdachlose, Bettler, Säufer, Prostituierte oder Warteschlangen vor Lebensmittelausgaben zu richten. Zum einen, weil diese Szenen inzwischen auch immer mehr in Berlin und andernorts in Deutschland (und Europa) zum Alltag gehören, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht. Zum anderen, weil es begnadete Fotografen gibt, die es schaffen den von ihnen in solchen Situationen abgelichteten Menschen in ihren Bildern (dennoch) eine gewisse Würde zu verleihen und auch deren Stolz zu zeigen. Dafür fehlt es mir an Talent.
Und nicht zuletzt: Es würde mich zu viel Überwindung kosten, die Kamera auf Menschen zu halten, die sich in präkeren Situationen befinden. Wer von uns wollte schon – ginge es ihm oder ihr ähnlich schlecht – sich ungefragt im Internet wiederfinden? Was wissen wir schon, welche Geschichten sich hinter solchen Schicksalen verbergen?
Nee, Kriegsberichterstatter oder Katastrophenjournalist – beides wäre nix für mich. Muss ja auch nicht…

Sowohl in New York als auch anderswo sind sie nicht zu übersehen. Menschen, die unter Brücken „wohnen“, in Stadtparks oder Hausnischen schlafen, die an Kreuzungen mit einem Pappschild um Geld oder Essen bitten.
Ich habe Geld gegeben und in leere Gesichter gesehen. Ich habe Dollar in Gefäße getan und erlebt, dass die Menschen nicht einmal aufblickten.
Nicht vergessen werde ich den völlig fassungslosen Blick eines Mannes in Washington. Er stand an einer Fußgängerampel mit einem Zettel in der Hand, auf dem zu lesen war, er sei hungrig und durstig. Menschen zogen an ihm vorbei. Ich hatte ihn vom Frühstücksrestaurant aus gesehen und spontan beschlossen, ihm etwas mit in den Tag zu geben. Eine Freundlichkeit und etwas für den Magen. Man konnte in dem Laden nicht nur Sandwichs essen und Kaffee trinken, sondern auch wunderschöne große rote Äpfel kaufen. Das Personal war so nett, mir einen abzuwaschen. Den verschenkte ich an den Herrn an der Ecke. Er war irritiert. Und biss – sich bedankend – mit sichtlichem Vergnügen in ihn hinein.
Manchmal sind es vielleicht die kleinen Gesten…

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16 Antworten zu zwei Worte vorab

  1. vivilacht schreibt:

    ich gebe dir voellig Recht, auch ich mache nicht gerne solche Fotos udn veroeffentliche sie dann nicht, falls ich eines machte. Deine liebe Geste, ich denk, die war ganz genau richtig.

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  2. ute42 schreibt:

    In der Nähe unseres Hotels in N.Y. saß jeden Morgen ein Bettler, und jeden Morgen bekam er von uns ein paar Dollar. Er gab uns täglich „Gottes Segen“ mit auf den Weg. Es war schön, den Tag so zu beginnen. Aber du sagst es richtig, diese Armut gibt es inzwischen längst auch in Europa bzw. in Deutschland. Auch ich würde solche Menschen nicht fotografieren. Also freuen wir uns auf deine Hochglanzbilder von der schönen Seite des Lebens.

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  3. monisertel schreibt:

    Es sind NUR die (kleinen) Gesten, die etwas bewirken.
    Bilder allein helfen niemandem, weder den Bedürftigen noch denen, die es etwas besser getroffen haben. Die vielen „Hochglanz-Elends-Fotos“ haben viele von uns bereits abstumpfen lassen und das ist in meinen Augen das Schlimmste, was passieren kann.
    Liebe Grüße
    moni

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  4. Franka schreibt:

    Auch ich finde das richtig. Fotografieren ist dabei noch eine Sache und zeigen eine andere. Du hast das ja jetzt mit Worten getan und das macht mir schon das Ausmaß deutlich.

    Gerade neulich las ich, dass es weder für einen selbst noch für ‚die Welt‘ gut ist, sich nur auf das Schlechte, Fehlerhafte etc. zu fokussieren und es vielleicht dadurch sogar zu verstärken. Es wird so viel gezeigt und zu Spenden aufgerufen, aber oft sind es die kleinen menschlichen Gesten, die etwas bewirken.

    Liebe Grüße
    Franka

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  5. Clara Himmelhoch schreibt:

    Du schreibst „Zum einen, weil diese Szenen inzwischen auch immer mehr in Berlin und andernorts in Deutschland (und Europa) zum Alltag gehören, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht. …“ Und das stimmt leider so, so sehr. Drei Stunden in Berlin mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und zwischendurch ausgestiegen – einen ganzen Bildband über Kummer, Not und Elend könnte man füllen – und das in einem Wohlstandsland wie Deutschland.
    Ich freue mich über das, was du uns zeigen und sagen wirst.

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  6. minibares schreibt:

    Das kann ich auch nicht, solche Fotos machen.
    Ist schon richtig so.
    Aber über Begebenheiten sprechen bzw. schreiben, das geht natürlich, wie du es hier getan hast.
    Wie unterschiedlich die Leute doch reagieren.
    Diesem einen hast du echt eine Freude gemacht.
    Wunderbar.

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  7. regenbogenlichter schreibt:

    So denke ich auch und die Idee mit dem Apfel war cool.
    Liebe Grüße
    Ute

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  8. kormoranflug schreibt:

    Da bin ich schon gespannt auf Dein New York. Etwas geben kann man in New York, aber auch in BERlin…

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  9. Gudrun schreibt:

    Ja, stimmt. Manchmal sind es die kleinen Gesten.
    Gut geschrieben, liebe Frau Tonari.

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  10. leonieloewin schreibt:

    Auch diese Seite ist Realität und ich finde es sehr gut, dass Du sie vorab erwähnst. LG Leonie

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  11. kalle schreibt:

    Hallo Tonari,

    natürlich ist es reizvoll solche Situationen zu fotografieren, aber wie du schon sagtest: manche Fotografen können dies, ohne dass die menschen ihre Würde verlieren. Bei mir wäre es nicht das Können, sondern reine Effekthascherei. Da hast du richtig entschieden! Und der Apfel hat ihm bestimmt gut geschmeckt 😉

    Liebe Grüsse Kalle

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  12. Anne schreibt:

    Genau die richtigen Worte und eine tolle Haltung. Danke dafür.

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  13. Tine schreibt:

    Frau Tonari, du bist einfach TOLL! ❤

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  14. Gedankenkruemel schreibt:

    Genau richtig liebe Britta was das fotografieren betrifft.
    Und du bist ein toller Mensch.♥

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  15. chinomso schreibt:

    Was du schreibst treibt mir die Tränen in die Augen. Genauso sehe ich das auch.

    Mir geht das immer so, wenn ich in Afrika bin. Viel Elend teilweise vor atemberaubenden Hintergrund. Da kann ich nicht mit der Kamera drauf halten. Aber es berührt mich auch immer sehr.

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  16. winnieswelt schreibt:

    Ja, kleine Gesten sind die besten, … kannst aber froh sein, dass dein Obdachloser noch Zähne hatte … meinem Tatendrang hier neulich tapte ich in die dumme Situation, dass er nur Flüssignahrung essen kann 😦

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