U-Bahn oben ohne

Cabriotour_1Eines längst vergangenen Freitages,  Frau Tonari hatte das Büro und die Arbeitswoche hinter sich gelassen, wunderte sie sich zunächst über einen ungewöhnlichen Menschenauflauf auf dem Bahnsteig der U-Bahn und wenig später über den halben Zug. Die Neugier war geweckt, denn wenn dies kein Betriebsausflug für MitarbeiterInnen des örtlichen Nahverkehranbieters war, dann müsste es doch machbar sein, auch mal mitfahren zu dürfen.

Die internette Seite der BVG mit dem entsprechenden Angebot war schnell gefunden, dann aber folgte die Phase der Ernüchterung: Ausgebucht. Das komplette Jahr. Grrr. Neue Chance zu Beginn des folgenden Jahres. Zum Glück konnte sich die ungeduldige Frau Tonari auf eine Liste setzen lassen, um den Buchungsbeginn rechtzeitig gemailt zu bekommen. Sonst hätte sie den doch glatt verpennt. Was dann noch benötigt würde, war Glück, denn die Reservierung selbst muss telefonisch erfolgen.

Das Glück kam in Form der tonarischen Freundin Karin daher, deren göttliche Finger eine mystische Verbindung mit der Telefontastatur ein- und auf unerklärbare Weise alle Besetztzeichen dieser Welt umgeht. Soll heißen: Sie hatten 4 Karten für den Wunschtermin.

Die Touren finden – aus Gründen – nicht ganzjährig, sondern „nur“ zwischen April und Oktober statt, an jedem zweiten Freitag um 19 Uhr und um 22 Uhr.  Sie dauern ca. 2 Stunden und zeigen dann den Teilnehmern einen Teil der Berliner Unterwelt.

An einem Freitag im Juli war es endlich soweit. Pünktliches Erscheinen könnte, so dachten die Tonaris,  die besten Plätze sichern, wenn, ja wenn da nicht im letzten Moment noch ein Malheur passiert wäre.

Cabriotour_2Da die Tourtickets an die bestellende Freundin geliefert worden waren,  hatte sich Frau Tonari total entspannt und fühlte sich für nix außer rechtzeitigem Erscheinen verantwortlich.  Der kurz aufflackernde Gedanke, noch einmal an die Mitnahme der Karten zu erinnern, wurde mit „alt genug und selber Mutti“ schnell wieder verworfen.  Ihr ahnt, was kommt? … Genau! Letztlich waren Tonari & Co die letzten Gäste, die in die offenen Wagen einsteigen durften.  Zunächst musste ihre Legitimation geprüft und sie für ehrliche Häute befunden werden. Was für ein Glück, dass noch genau 4 Sitze frei geblieben waren 😉

Cabriotour_3Nach der kleinen Aufregung und mit gut angehobenem Adrenalinspiegel durften dann die vier „Spezialbehandelten“ Platz nehmen, einen gelben Bauhelm aufsetzen und sich einen Funkkopfhörer ins Ohr stöpseln.  Vielen, vielen Dank an dieser Stelle dem freundlichen und wirklich hilfsbereitem Personal und dem Scheffe, der sich nicht auf „Dienst nach Vorschrift“ zurück zog.  (Natürlich hat frau auch nicht den Buchungsbeleg mit, wenn sie schon die Karten an der heimischen Pinnwand lässt.)

Cabriotour_4So, nun geht es aber los.  Die Akku-Lok war auch schon ganz ungeduldig.  146 Gäste ebenso.  Und die vier „Schwarzfahrer“ wollten, dass endlich Normalität eintritt 😉

Nö, noch geht es nicht los. Erst gibt es Sicherheitshinweise. Muss sein. Kein Alkohol an Bord, keine stehenden Ovationen, Arme nicht über die Brüstung hängen, kein Blitzlicht bei entgegenkommenden Zügen.

Film- und Fotoaufnahmen während der Fahrt sind erlaubt, mitunter aber nur bedingt möglich. Damit die Gäste etwas sehen können, werden die Tunnel im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten extra beleuchtet. Steht man etwas länger, um einen entgegenkommenden Zug abzuwarten, dann kann man schon mal knipsen. Aber es ist schwierig und  manch ein vermeintlich perfektes Motiv entpuppt sich dann bei genauerer Betrachtung am PC als Flopp. Insofern gehört Unschärfe heute einfach mal zu den tonarischen Impressionen.

Cabriotour_5Die Fahrt begann am Alexanderplatz. Der Streckenverlauf war ganz schön verwirrend, weil er sich natürlich nur partiell an die „richtigen“ Routen der einzelnen Linien hielt. Das es da noch etliche Verzweigungen und Abbiegemöglichkeiten gibt, war so nicht zu erwarten.  U5, U8, U6, U9, U 7 … Dazwischen ganz viel Geschichte zu Tunnelbau in offenen Baugruben und im Vortrieb,  zur Berliner Bauweise, zu Klein- und Großprofilen, zu Wagenbreiten und der Historie einiger Bahnhöfe.

Cabriotour_6Apropos Bahnhöfe.  Jede Durchfahrt durch eines solchen war Gaudi pur.  Für uns und für die auf dem Bahnsteig Wartenden. Da gab es die Supercoolen, deren teilnahmslose Mienen klar machten, dass hier täglich und nahezu pausenlos Wagen mit gelbbehelmten Menschen in Wagen mit offenem Verdeck entlang fahren. Es gab die völlig Überraschten, die zunächst fassungslos guckten, dann ganz breit grinsten (und ihr Handy für ein Foto zückten).  Es gab die „Ey Alta kiek ma Alta“- Typen und die fröhlichen Winker.  Hüben wie drüben. Toll.

Cabriotour_735 Kilometer Strecke bringt man in gemütlichem Tempo hinter sich und lernt quasi nebenbei jede Menge neuer Fachbegriffe, hört von Kehranlagen, Verbindungs-, Abstell-  und Waisentunneln.  Die Unterquerung der Spree ist Thema. Wehrkammeranlagen für den Fall eines Wassereinbruches auch.  Und natürlich der Mauerbau und seine Folgen für die Verkehrsverbindungen.

Cabriotour_8In der Seestraße wurde planmäßig Pause gemacht. Für Pinkler und Raucher. Der Kiosk auf dem Bahnsteig erlebte einen unglaublichen Käuferandrang und wurde Getränke in Massen los. Trockene Luft im Tunnel…

Cabriotour_9Bahnsteige waren auch ein Thema. Leider kann sich Frau Tonari nicht mehr an alles erinnern, aber sie fand es bemerkenswert, dass mitunter Farbgestaltung und Namensgebung eine Einheit bilden. In der Osloer Straße beispielsweise erkennt man die Farben der Nationalflagge Norwegens wieder.  In der Weinmeisterstraße hat roter Rebensaft seine Spuren hinterlassen.  Und am Herrmannplatz kommt das Käuferchen direkt vom Bahnsteig ins Kaufhaus.

Cabriotour_11Tja,  die Moderatorin hat viel Neues vermittelt und von Interessantem berichtet. Im Steuerwagen steht kein Entertainer, sondern eine Mitarbeiterin der BVG, die mit viel Herzblut bei der Sache ist.  Das macht die Tour authentisch(er).  Frau Tonari findet, dass sich die 40 Euro pro erwachsener Teilnehmernase gelohnt haben, insbesondere wenn man erahnt, welch Aufwand hinter den Kulissen betrieben werden muss, solche Touren gefährdungsfrei innerhalb des Regelbetriebes anzubieten.

Cabriotour_12Nach der Tour mit offenem Verdeck waren Tonari and Friends übrigens froh über den wärmenden Helm und ihnen auch klar, warum die Runde nicht in den Wintermonaten gedreht wird. So auf die Dauer ist es nämlich doch ganz frisch da unten.

Cabriotour_13Ein unvergessliches Erlebnis.

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27 Antworten zu U-Bahn oben ohne

  1. ute42 schreibt:

    Das ist ja interessant. Da hätte ich auch alles getan, um an Karten zu kommen. Was für ein Glück, dass die Kontrolleure beide Augen zugedrückt haben bzw., dass ihr so ehrliche Gesichter habt. Ein Erlebnis der besonderen Art, an dem wir hier teilhaben durften

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    • tonari schreibt:

      Sie haben natürlich alle relevanten Daten festgehalten und sich abgesichert.
      Nur ein ehrliches Gesicht reicht da nicht. Aber Dienst nach Vorschrift hätte auch anders und für uns unbefriedigender laufen können. Insofern hatten wir Glück im Unglück.

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  2. einestachelbeere schreibt:

    Das sieht wirklich nach einer ganz tollen Erfahrung aus! Ich werde mich auf jeden Fall auch kundig machen!

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  3. minibares schreibt:

    Was sich die so ausdenken, ist schon toll.
    Und es auch ausführen, das ist einfach Klasse.
    Wie schön, dass ihr doch mitfahren durftet – ohne Tickets. Sowas geschieht äußerst selten.
    Immerhin waren wir auch ohne Ticket auf dem Wolkenkratzer in Frankfurt.
    Aber deine Fotos sind doch echt gut, machen Laune, sie anzuschauen, passen gut zum Erzählten.
    Die gelben Helme kommen gut an, lach.

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  4. antje schreibt:

    das ist ja ganz was ausgefallenes, toll! da würde ich auch mal mitfahren wollen.

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  5. vivilacht schreibt:

    wow, das haette mir auch gut gefallen, das ist ja mal etwas ganz anderes. Fein, dass du uns daran teilhaben laesst.

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  6. Franka schreibt:

    Was es alles gibt! Eine tolle Sache und auch für mich war es interessant, da virtuell mitzufahren. Die Fotos sind doch hervorragend, sehr autentisch. Man kann doch eine Menge in seiner eigenen Stadt erkunden.
    LG, ‚Franka‘

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  7. Clara Himmelhoch schreibt:

    In Erwägung hatte ich das auch schon gezogen, aber keine interessierten MitfahrerIn gefunden, und allein wollte ich diesen Spaß nicht genießen.
    Das mit den Karten erinnert mich an einen Theaterbesuch mit der Arbeitstruppe = Kollektiv vor vielen, vielen Jahren. Ich habe Karten eingesteckt, komme auch anstandslos rein. Wir sitzen, da kommt jemand, der uns beweist, dass wir auf seinen Plätzen sitzen. Ich hatte den falschen Tag und das falsche Theater als Karten eingesteckt. – Zum Glück fanden wir die anderen und unsere zwei freien Plätze. – Jetzt mussten wir nur noch ein paar Tage später im anderen Theater begründen, warum unsere Karten schon entwertet waren. – Aber auch das klappte. – Jetzt stecke ich die schon mal paar Tage vorher ein – und wechsle dann im letzten Moment die Tasche 😉

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  8. typ3typ schreibt:

    Das ist ja eine gute Idee, mit dieser Tour! Auch der Bericht ist wieder sehr anschaulich verfasst. Danke für die Eindrücke.

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  9. mohrle schreibt:

    wow…ja…will ich auch mal machen….merken!

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  10. kallehd schreibt:

    Cool, das muss man erlebt haben, und gut, dass ihr so ehrliche nasen habt. Ansonsten wären die Karten verfallen und ihr hättet wieder so lange warten müssen…unvorstellbar! Aber ich stelle mir das interessant vor, zumal man oben ohne fährt. Das ist schon etwas besonderes!

    Liebe Grüsse Kalle

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  11. meinigkeiten schreibt:

    Ich finde das auch richtig cool. Haha, und das Ticket-vergessen und trotzdem mitfahren dürfen, das haben die klasse gelöst. Sehr menschlich, sehr nett. Klasse Ausflug.

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  12. Bellana schreibt:

    Was sich Berlin so alles einfallen läßt! Da habt Ihr Glück gehabt, dass alles noch geklappt hat und Ihr diese Fahrt durch die Unterwelt mitmachen konntet.
    Grüßle Bellana

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  13. ponton schreibt:

    Toll, da kann der Berliner noch was lernen. Ich ahne ja schon, warum dieses event so unauffällig beworben wird. Danke für Deine Eindrücke!

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  14. Inch schreibt:

    Dazu fällt mir nur 3x das Wort mit g ein. Und „Inchwilldasauchhaben!“

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  15. winnieswelt schreibt:

    Diese Tunnel-Tour will ich auch noch machen, warte nur, das Sohnemann ein wenig älter wird

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  16. Melanie schreibt:

    Oh, so eine Tour würde ich auch mal gerne mitmachen. Schön, dass du uns daran hast teilhaben lassen. 🙂

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  17. Muri schreibt:

    Wie genial ist das denn bitte?
    Die Wagen an sich ohne Dach und mit dieser Sitzanordnung sind ja schon lustig anzusehen. Und dass die Fahrt interessant und witzig war, kann man sich nach Deinem Bericht wirklich gut vorstellen.
    Berlin hat immer wieder neue Ideen, die bei Euch ganz sicher keine Langeweile aufkommen lassen.
    Da wird man neidisch, weil leider nicht jede Stadt so kreativ ist. Danke fürs Mitnehmen!

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  18. Gedankenkruemel schreibt:

    Das kann ich mir denken das das ein unvergessliches Erlebniss war..
    Berlin hat so Sachen die es in anderen Städten leider nicht gibt..
    Da wäre ich auch liebend gerne mitgefahren..
    Das schaut total interessant aus…Danke fürs zeigen ♥

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  19. AndiBerlin schreibt:

    Ja, diese Tour steht auch auf meiner Wunschliste.
    Aber ich dachte Du hättest diese Fahrt schon mal gemacht und darüber verbloggt? Oder habe das wo anders gelesen?

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  20. smultronella schreibt:

    Das wollte ich schon immer mal mitmachen…. Nach Deiner Beschreibung nun erst recht!

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  21. dasmiest schreibt:

    Danke, ich bin gerade auf die Informationsliste für 2014 gehüpft und weiß jetzt, was der Mann nächstes Jahr zum Geburtstag bekommt 🙂

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  22. synchronuniversum schreibt:

    na dann weißt du ja schon, womit du uns das übernächste Bloggertreffen aufpimpst! Das liest sich wirklich klasse! Und dir sei mal gesagt, dass du eine wunderbare Schreibe hast – ich weiß nicht, ob ich das schon mal kundtat – aber so ist es! Liebe Grüße und *drücks* bigi

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  23. Lucie schreibt:

    Wirklich toll, dies Fahrt! Ich hätte gerne so eine Tour durch die Tunnel gemacht, Leider hat es während meiner 2-jährigen Wohnzeit in Berlin irgendwie nie geklappt. Prima, dass ich sie jetzt mit dir erleben virtuell konnte. Danke 🙂

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  24. kormoranflug schreibt:

    Da hätte ich wirklich Angst. Der Helm schützt bei der Fahrt ja nicht wirklich…….

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  25. Das möchte ich unbedingt mal machen. Aber es ist offenbar ja viel Vorlauf erforderlich.

    Off Topic: Seestraße gibts ein WC? Oder durften alle aufs Gleis…?

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  26. hildegardlewi schreibt:

    Toll, was in Berlin so geboten wird. Über dieses Streckennetz insgesamt habe ich schon öfter mal gelesen, es muß unglaublich interessant sein, wasalles so unter uns liegt. LG Lewi

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