zwischen Mangel und Flair – Teil 13

Aufregung war das Stichwort.

Im Hotel angekommen, stellte der Herr Tonari beim Umkleiden fest, dass sich an seinen Armen und Beinen hektische Flecken etliche rote Stellen gebildet hatten. Fünfmarkstückgroße Blasen (eine euronische Analogie gibt es leider nicht), die ziemlich angeschwollen waren. Von weitem und ohne Brille sah es aus wie fette Flohstiche. Waren es aber nicht, sondern plötzlich auftretende, allergische Reaktionen auf irgendetwas. Frau Tonari witterte die Ursache sofort in der von ihr so gehassten, nachmittäglichen  Räucheraktion der Moskitos. Zu allem Übel begannen die Flecken auch noch zu jucken und sich rasant und flächenhaft auszubreiten.

Also flitzte Frau Tonari an die Rezeption, um die Reiseleiterin ausfindig zu machen, die wiederum einen Arzt rufen sollte. (Derweil flimmerte ihrem Kopf schon das berühmte Kino und sie sah, wie sie am kommenden Morgen der abfahrenden Reisegruppe hinterher winken und sich anschließend zu Besuchszwecken ins nächste, morbide Krankenhaus begeben würde.)

Ziemlich schnell war klar, dass angesichts der Symptome ein Ausflug in das „Internationale Hospital“ erforderlich werden würde. Im Hotel vorhandenes, medizinisches Personal  schimpfte sich hieß zwar Arzt, war aber wohl eher nur geeignet, eine Kopfschmerztablette gegen Rumkater auszugeben oder ein Pflaster bei Schnittwunden fachmännisch zu verkleben.

Vor dem Hotel standen zum Glück Taxis parat. Es war ein ziemlich alter Lada, in dem die Reiseleiterin und die Tonaris im Schutze der Dunkelheit nach Trinidad fuhren.

Eine Viertelstunde später hielten sie in einer Gasse, vor einem kleinen, recht unscheinbaren Häuschen. Nix mit großer Klinik oder was einem bei „Internationalem Hospital“ so in den Sinn kommen mag. Der Fahrer versprach, zu warten. Beruhigend, denn die Gegend war so dunkel und derart verlassen, dass man das Gefühl hatte, zwar rein, aber nie wieder raus zu kommen. Aus dem Hospital, nicht aus der Gasse 😉

Hinter der geöffneten Tür befand sich eine Art riesiges Wohnzimmer mit Couchgarnitur, Sessel, Tisch und laufendem Fernseher. Wie in Kuba zu Hause quasi. Von diesem Raum gingen mehrere Türen ab. Die Reiseleiterin meldete den Patienten an und kaum hatten die Tonaris Platz genommen, durften sie (beide!) auch schon ins benachbarte Behandlungszimmer.
Blitzsauber mit in die Jahre gekommenem Mobilar. Aber wen stört das schon?

Eine Ärztin, geschätzte Mitfünfzigerin, untersuchte gründlich die Quaddeln am gepeinigten Tourikörper und stellte ganz viele kluge Fragen. Die Reisefee übersetzte fleißig hin wie her. Medikamentenallergie? Nix genommen. Besonderheiten beim Essen? Eigentlich nicht. Woher also die Pusteln? (Bis heute ist der eigentliche Auslöser der allergischen Reaktion im Dunklen geblieben.)

Zur Behandlung gab es eine Cortison-Spritze in den allerwertesten Mitreisenden von allen. Und Señora Krankenschwester tupfte – unter den strengen Augen der Frau Tonari – liebevoll die betroffenen Stellen mit einer hautberuhigenden Salbe ab. Dann musste der Patient noch ein bisschen liegen bleiben, auf die Wirkung der Spritze warten und in sich hinein hören. Parallel dazu bekam die begleitende Ehefrau die Regieanweisung für die Tabletteneinnahme der folgenden Tage plus einen siebentägigen Diätplan. Kein Alkohol, kein Fleisch, kein Fisch, keine Milch, kein Obst … Eigentlich nix, außer Weißbrot und Wasser.
Nachdem sich die Doctora vom ordnungsgemäßen Zustand des Patienten überzeugt hatte, begleitete sie die Tonaris nach nebenan in die Medikamentenausgabe. Dort bekam man gegen eine ordentliche Rechnung und für bare CUC sofort alles, was die kranke Haut brauchte. Die Tube Salbe und die Prednisolon-Tabletten, beides aus Südamerika. Arztkonsultation und Arznei für rund 80 CUC. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, was der Herr Tonari 2009 der amerikanischen Gesundheitsmafia in den Rachen werfen musste. Und was sich damals, zumindest nach der ersten, unwirksamen Behandlung als rausgeschmissene Dollars entpuppte. Also, ein dreifach Hoch auf das kubanische Gesundheitswesen. Hier wurde schnell, unkompliziert, fachmännisch und zu fairen Preisen behandelt.
Natürlich durften die ausländischen Gäste nun nicht so einfach wieder gehen. Erst musste noch ein Fragebogen beantwortet werden. Im Sinne von Qualitätsmanagement wahrscheinlich, denn wichtig war, ob sich der Patient gut behandelt gefühlt hat. Ja, hat er. Und er hat Vertrauen in das Wissen und die Leistung kubanischer Ärzte. Yeah.

Der Taxifahrer hatte tatsächlich brav gewartet. Er brachte die Reisefee, den Beulentouri und die sichtlich beruhigte Ehefrau sicher zurück in das Hotel.

Eine Stunde voller Aufregung. Mit glücklichem Ausgang, denn am kommenden Morgen waren alle Pusteln wie von kubanischer Zauberhand verschwunden. Die Medikamente wurden dennoch brav geschluckt und auch die Diät vorsichtig für zwei Tage eingehalten 😉

++++++

Und falls jemand mehr über Kuba wissen will oder in einem Forum Fragen stellen und Antworten bekommen möchte, der ist hier goldrichtig.

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25 Antworten zu zwischen Mangel und Flair – Teil 13

  1. Ruthie schreibt:

    Spannende Story, wenn auch für den allerwertesten Mitreisenden eher unangenehm 😉 Gut, dass es gut ausgegangen ist!

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  2. Himmelhoch schreibt:

    Der letzte Satz – Einhaltung der Diät für nur 2 Tage – beruhigt mich, denn sonst hätte ja der beste aller Beulentouris das halbe Essensgeld zurückfordern können 🙂 – Wenn ihr Erlebnistourismus mach, dann aber richtig! – Warum wohl erinnert mich die Schilderung an DDR-Gesundheitsverhältnisse?
    Meine Tochter hatte auch mal eine ganz schlimme Allergie mit Gesichtsvergrößerung auf halbe Kürbisgröße – da ist auch nie eine Ursache bekannt geworden.

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    • tonari schreibt:

      Wat? Inne Zone wärn wir niehiehie sooooo schnell dran gekommen 😉

      (Ansonsten gilt: Zum Austesten gehört auch immer ein bisschen die ärztliche Versorgung. War an der Westcoast so und nun wieder. Wir wollen halt doch die Systeme vergleichen.)

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      • Himmelhoch schreibt:

        Dann habt ihr hoffentlich auch eine anständige Auslandskrankenversicherung, um nicht alles zu bezahlen. Bei einem, der das kontinuierlich testet, lohnt sich das ja richtig.

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        • tonari schreibt:

          Klar, sind wir auslandstechnisch krankenversichert.
          Bei dieser geringen Summe (80 Dollar) lohnt sich für uns das Abrechnen aber nicht. Die Auslandskrankenversicherung beteiligt nämlich die hiesige PKV. Und da wir hier selten bis nie krank sind und bei Nichtbenutzung einen Bonus bekommen, war das quasi Luxussteuer 😉

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  3. ute42 schreibt:

    Puhh, da wäre vor meinem inneren Auge auch erst mal ein Film abgelaufen. Ein Krankenhaus in einem solchen Staat, nein danke. Gut, dass ihr eine kompetente Ärztin gefunden habt und dass die Pusteln so schnell verschwunden sind. An die USA-Ärzte-Rechnungen habe ich auch keine guten Erinnerungen und ein internationales Krankenhaus der ähnlichen Art habe ich in Male auf den Malediven kennengelernt, mit sehr guten schweizer Ärzten. Davor hatte ich mich allerdings geweigert, auf SriLanka ins Krankenhaus zu gehen 🙂

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    • tonari schreibt:

      Wir haben 1984 mal mit Cholera-Verdacht in Bulgarien in Krankenhaus gelegen. Oh, ich glaubte dort, wir holen uns alles, was wir bis dahin noch nicht hatten 😉
      Ich bin tatsächlich überzeugt, dass kubanische Ärzte gut ausgebildet sind. Was ihen zu schaffen nmacht, ist das Embargo und somit keine Chance, an amerikanische Medizinprodukte zu kommen.
      Für uns kein Problem mit alternativen Medikamenten aus anderen Ländern, weil wir CUC-zahlungskräftig waren, aber für jeden Kubaner wird das ein großes Drama.

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  4. minibares schreibt:

    Ach du heiliger Strohsack!
    Was einem doch alles passieren kann, wenn man auf Reisen ist.
    Vor allem die Unsicherheit, die einen dort beschleicht.
    Wie schön, dass es gut gegangen ist.

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    • tonari schreibt:

      Was die Kompetenz der Ärzte betrifft, hatte ich keinen großen Zweifel. Ich weiß, dass die in der Regel gut ausgebildet sind. Aber es war nicht klar, ob es die erforderlichen Medikamente geben würde und ob die Ärzte nicht sicherheitshalber einen Krankenhausaufenthalt verordnen würden. Das wäre es dann mit der Rundreise gewesen.

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  5. regenbogenlichter schreibt:

    Da bestätigt sich wieder mal, dass doch oft innere Werte zählen. Und dem, was du über das Embargo schreibst, kann ich nur zustimmen.
    LG
    Ute

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  6. thomas schreibt:

    Tja, cubanische Krankenhäuser sind schon etwas spezielles!
    In der Regel sind die Ärzte sehr gut ausgebildet, mit den medizinischen
    Apparaten hapert es etwas ha,ha. Leider werden die guten Ärzte entweder
    nach Havanna beordert oder werden auf „Mission“ ins Ausland für teures Geld
    verschachert. Das hat zur Folge, das in den ländlichen Gebieten kaum ein anständiger
    Arzt zu finden ist und das nervt selbst die Cubaner, da sie für „besondere“ Behandlungen
    nach Havanna überwiesen werden ( natürlich ist die Anreise auf ihre Kosten).
    Gruss Thomas

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    • tonari schreibt:

      Die Ärztin war sehr, sehr nett. Klar, der Mangel an Geräten war auch für Laien erkennbar. Was „Größeres“ möchte man in der Tat nicht gehabt haben.
      Es ist schon ein Elend, wenn man sieht, wie die Menschen dort viel, viel Kraft aufbringen müssen, um ihr Leben zu organisieren. Und wie sie ewig auf Transportmittel warten, vielleicht auch, um zu einem guten Arzt zu kommen.

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  7. AndiBerlin schreibt:

    Ein weniger schöner Bericht (also vom erlebten her, nicht von der präsentierten Form) Eurer Kubareise, wenn auch mit guten Ausgang. Gibt es noch mehr Tonarische Kuba Eindrücke, oder war es das jetzt? Ich will MEHR! 🙂
    Aber danke das Du uns mit Bildmaterial der Pusteln verschon hast! 🙂

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    • tonari schreibt:

      Klar geht es weiter. Das war ja erst der 6. Tag, lieber Andi.
      Und wir waren 11 unterwegs. Du hast also noch einiges zu erwarten.
      Tja, in der Tat habe ich vor Aufregung vergessen, das beste Fotomodel von allen um ein Beweisbild zu bitten 😉

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  8. paradalis schreibt:

    Oh je oh je, eine spannende Geschichte. Gut, dass sie gut ausgegangen ist. 🙂

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  9. Tine schreibt:

    So Arztbesuche im Ausland sind ja immer wieder gern genommen… 😉 Oh man, langweilig liest sich anders 😉

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  10. Na, dass ging ja gut aus. 🙂 Es wird wirklich Zeit, dass das Embargo aufgehoben wird. Leider lässt sich damit kaum Stimmen fangen, daher hat es kein Politiker auf der Agenda.

    Gibt es zufällig auch einen Bericht zu den Abzockern in der USA?

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  11. kormoranflug schreibt:

    Sandflöhe, Bettwanzen, ach es gibt so viele Möglichkeiten (lach).

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  12. Inch schreibt:

    Ui, da hatte der Reisebegleiter mehr Glück als weiland ein Freund in Vietnam, dem nach Einnahme „garantiert frischen“ Tintenfisches nicht nur fette Pusteln wuchsen, sondern so ziemlich alles anschwoll.

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