zwischen Mangel und Flair – Teil 10

Okay, genug abgehangen. Weiter geht die aufregende Rundreise durch Kuba. Für den sechsten Tag war eine Strecke von rund 370 Kilometern angesetzt, unterbrochen von einigen Besichtigungen zum Beinevertreten und ein paar Gelegenheiten für Schnappschüsse aus dem Busfenster. Zunächst fuhren wir nach Camagüey, der drittgrößten Stadt des Landes.

95662Dort angekommen, wechselten wir erst einmal das Beförderungsmittel. Die Orte, die wir in der Stadt sehen sollten, lagen in den verwinkelten Gassen nämlich so weit voneinander entfernt, dass es zu Fuß zwar interessanter gewesen wäre, aber definitiv für das Schaffen des Tagesprogrammes zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte. Mal abgesehen von dem Stress für die Reiseleiterin, die Meute zusammen zu halten. Und außerdem sind die sogenannten Bici-Taxis typisch für dieses Städtchen. Also kletterten wir brav in abenteuerliche Fahrradrikschas, die für gruppenpreisvereinbarte 5 CUC pro Nase unseren Transport übernehmen würden. Wobei sich Frau Tonari gleich mal die Bluse zerriss, weil sie beim Aufsteigen an einem hervorlukenden Metallteil hängen blieb.

Unser Fahrer musste sich ziemlich abstrampeln. Zwei moppelige Deutsche und ein klappriges Vehikel. Das kann nicht gut gehen. Ging es auch nicht, denn die Kette sprang permanent ab oder – besser gesagt – schnappte über. Aber die Last mit einem anderen Fahrer teilen? Niemals. Er ließ uns nicht mal wieder absteigen. Und so schob uns unser Bici-Taxi-Man mitunter im halsbrecherischen Galopp, um ja nicht den Anschluss an die Grupppe zu verlieren. Natürlich auch nicht ohne gehöriges Gejammere über die zu erwartenden Reparaturkosten. Unser Angebot umzusteigen, damit er auf seinem Gefährt nur noch einen Kunden zu transportieren braucht, lehnte er vehement ab. Na dann.

Camagüey_1Wir erreichten mit Müh und Not die Plaza del Carmen mit der Iglesia de Nuestra Senora del Carmen.

Camagüey_1aDie Bildhauerin Marta Jiménez Pérez hat dort lebensgroße Figuren mitten ins Stadtbild gepflanzt. Camagüeyanos, also Menschen, die in Camagüey leben, waren ihre Modelle. Hier ein Bronze gewordenes Paar in liebevoller Zuneigung,

Marta Jiménez_1dort ein flotter Dreier aus schwatzenden Damen, mit einem freien Stuhl, der dazu einlädt, sich hinzuzusetzen.

Marta Jiménez_2Wir trafen einen Zeitungsleser, der die „Adelante“ studiert. Original und Statue nebeneinander. Und ja, ein CUC für das Fotoposen wird gern genommen. Gage quasi.

Marta Jiménez_3Camagüey gilt als Stadt der tinajones, der großen bauchigen Tonkrüge. Ein Verkäufer derselben ist also etwas Typisches. Diese Gefäße dienten übrigens vor allem der Aufbewahrung von Regenwasser, da die Stadt in früheren Zeiten unter Wassermangel litt.

Verpasst habe ich leider, dass sich eine Galerie der Künstlerin direkt an der Plaza befindet. Ich war mehr mit dem Ablichten der Figuren beschäftigt, als der Reiseleiterin mein Ohr zu leihen. Das rächte sich, denn bestimmt hat sie darauf aufmerksam gemacht. Schade, zu gerne hätte ich einen Blick hinein geworfen.

Marta Jiménez_4Weiter ging es durch die Stadt, die offensichlich gerade zum Entrümpeln und Ausmisten aufgerufen hatte. Wie sonst sind diese Schuttberge zu erklären?

Camagüey_2Camagüey_3Noch ein Zwischenstop am Parque Ignacio Agramonte

Camagüey_4mit dem dominierenden Reiterstandbild des gleichnamigen Freiheitskämpfers.

Camagüey_5Danach wurden wir zur Plaza San Juan de Dios gebracht. Der Platz gilt als malerisch und hat noch die originale, also unveränderte Bebauung. Nun ja. Ich fand ihn leer und ungemütlich, weil bis auf ein paar um Kugelschreiber & Co bettelnde junge Männer und einem einsamen Keksverkäufer hier kaum Einheimische unterwegs waren. Das hatte etwas gespenstisches.

Camagüey_6Camagüey_7Also zurück zum Bus…

Camagüey_8Und es kam, wie ich schon erwartet hatte, unser Bici-Taxi-Man drückte auf die Tränendrüse und wollte neben den vereinbarten 5 CUC pro Person noch einen Bonus für die Reparatur oder etwas für seine Frau und seine Kinder… Nur mal so für die Relationen: Wir waren insgesamt ca. 1 Stunde in Camagüey unterwegs und 10 CUC entsprechen umgerechnet ungefähr einem Monatlohn eines normalen Arbeiters oder Angestellten in der nicht konvertierbaren Währung. (Umtausch ca. 25 Pesos= 1 CUC). Es fiel mir wirklich schwer, aber wir haben nur den abgemachten Preis bezahlt.

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20 Antworten zu zwischen Mangel und Flair – Teil 10

  1. paradalis schreibt:

    Das sind wunderbar, lebendige Eindrücke. Und irgendwie eine wirklich abenteuerliche Reise. 🙂 Schöne Grüße an euch!

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  2. juzicka schreibt:

    “ eine Strecke von rund 370 Kilometern angesetzt, unterbrochen von einigen Besichtigungen zum Beinevertreten “ …. hmpf …. ich glaube das würde mir gar nicht gefallen 😦

    die bronzefiguren sind wunderschön .. die gruppe schwatzender frauen mit freiem stuhl , der echte und unechte zeitungsleser . Hättest du denn bei diesen straffen tagesabläufen überhaupt zeit gehabt irgend etwas deiner wahl in ruhe zu besuchen ?

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    • juzicka schreibt:

      PS: ich muss dazu sagen – damit das hier jetzt nicht so aussieht als empfände ich deine reise als stress – das ich halt reiseberichtmässig biz verwöhnt bin von meinem bruder anno dazumal:) Er hat sich zusammen mit freundin einen flug Kuba hin und zurück gebucht und sonst nichts. Vor ort haben sie sich ein auto gemietet und sind vier wochen kreuz und quer durch kuba gefahren .. haben dort gehalten wo es ihnen spass machte und auch übernachtet wie es grad kam :O)

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    • tonari schreibt:

      Tja, das ist der „Haken“, wenn man eine Rundreise bucht. Die Kilometer müssen gemacht sein, sonst sieht man die Städte nicht. Die längste Strecke an einem Tag waren übrigens 460 km.
      Während der Rundreise bleib kaum Zeit für eigenen Erkundungen. Mal hier ein halbes, mal ein Stündchen „Freizeit“, aber damit kommt man in der Regel nicht weit. Und abends kamen wir meist erst im Dunklen an. Da verlässt man das Hotel eigentlich auch nicht mehr. Klar, das ist schade, aber ich glaube, bei Pauschalrundreisenn ist es der Preis, den man zahlen muss.

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      • juzicka schreibt:

        machs doch beim nächsten mal so wie mein bruder :O)

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        • tonari schreibt:

          Genau das haben wir uns nicht getraut. Auf Jamaika schon, auf Kuba nicht. Im Internet hatten wir über die Transport- und Versorgungsproblematik gelesen und Sorge, dass wir nicht immer an Benzin herankommen würden oder man uns gar einen Bauern samt Huhn als Tramper in die Karre setzt. Wobei ich ausdrücklich nichts gegen Bauern, aber gegen Hühner habe. (Kindheitstrauma!)
          Vor Ort haben wir dann feststellen müssen, dass sich inzwischen einiges deutlich besser darstellt als im Internet in nicht zu alten Berichten zu lesen war. Vielleicht greifen erste Reformbemühungen?
          Beim nächsten Mal wäre ich auch schlauer 😉
          So bin ich aber nicht traurig, denn wir haben in den zwei Wochen viel über Land und Leute gehört, gesehen und erfahren; mehr als ich mir je hätte anlesen können und wir hatten eine phantastische Reiseleiterin, die uns, aber die Story kommt ja noch…

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          • juzicka schreibt:

            ich bin gespannt:)

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            • tonari schreibt:

              Wann war dein Bruden denn dort?

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            • juzicka schreibt:

              vor ca. 25 jahren :O)

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            • tonari schreibt:

              Oh, da war ja die welt noch halbwegs in Ordnung 😆
              Da gab es den großen Bruder noch, der sich um die Unterstützung seines Bollwerkes rührend gegen die Amis gekümmert hat. 😉
              In der Zwischenzeit hat das Land einiges durchgemacht. Gerne auch „Sonderperiode“ genannt.

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            • juzicka schreibt:

              ja das weiss ich schon , aber du weisst ja : den mutigen gehört die welt :O)

              ich kenne ein junges paar ( quasi aus meiner familie ) die sind im oktober 2012 nach hong kong geflogen und auf eigene faust losgezogen .. mit der bahn , mit einheimischen überfüllten Überlandbussen , mit gemieteten fahrrädern und vespas:)
              zu zweit durch die hintersten provinzen von china – vietnam – cambodia – thailand . Sie haben einen travel-blog und ich sehe die fötis von gegenden wo ich glaub schiss hätte.

              unterdessen sind sie über australien in neuseeland gelandet und fahren dort mit einem Camper kreuz und quer herum … ende januar kommen sie zurück :O)

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  3. ute42 schreibt:

    Schon am Anfang deines Berichtes war mir klar, dass euer Fahrer um mehr Geld betteln wird. Ich hätte genau wie ihr reagiert. Er verdient regulär mehr als viele seiner Landsleute. Die Figuren hätten mich auch fasziniert und zum fotografieren gereizt. Sehr gut die beiden Zeitungsleser 🙂
    Die Straße mit dem Müll ist ja entsetzlich. Da durchzufahren war wohl ein Irrtum eurer Reiseleitung – normalerweise zeigt man so etwas den Touristen nicht 🙂 Für mich wäre das, so dumm das klingt, ein Glücksfall gewesen, denn so ein Blick hinter die Kulissen ist doch sehr interessant.

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  4. Franka schreibt:

    Ich finde auch, ihr habt trotz organisierter Reise viel zu sehen gekriegt und nicht nur die schönen Seiten. So war das ja auch sicher gedacht.

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  5. regenbogenlichter schreibt:

    Also trotz der vielen Kilometer habt ihr ganz schön viel gesehen (und wir auch) 🙂
    Die Skulpturen sind genial… ♥
    Mit dem Auto das würde ich trotzdem mal probieren. Als Tourist mit „harter“ Währung geht vielleicht auch noch etwas mehr. Und es würde mich wundern, wenn die einfachen Leute da nicht hilfsbereit und flexibel wären. 😉

    Liebe Grüße
    Ute

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    • tonari schreibt:

      Mit dem, was ich jetzt gesehen habe und weiß, würde ich mich auch auf eine private Mietwagenerkundungstour einlassen. Bei der Recherche im Vorfeld gab es so gruselige Beiträge im Internet, dass ich mich in einer Reisegruppe „versorgter“ gefühlt habe.
      Sollten wir also noch einmal auf kubanischen Boden treten, dann ganz bestimmt individuell.

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  6. Himmelhoch schreibt:

    Wie von anderen schon geschrieben – um diese Skulpturen kann ich dich nur beneiden, die sind so realistisch schön und man weiß, was man vor sich hat.
    Bei dem Dreck auch – aber den kann man nicht unbedingt schön nennen, aber realistisch.
    Ich wäre ja auch nicht so der Typ, der auf eigene Faust loszieht – dazu kann ich mich zu schlecht verständigen.
    Ich denke, jeder, der in Kuba mit Touristen zu tun hat und an „richtiges“ Geld rankommt, ist besser dran als seine Mitstreiter – leider ist das Leben nicht immer gerecht.

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  7. thomas schreibt:

    Halo, habe Deinen Bericht bei uns im Kubaforum gelesen. War schön und witzig zu lesen.
    Ihr habt auch richtig gehandelt und beim ersten Besuch eine geführte Tour gemacht, dann
    ist der Kulturschock nicht so groß.
    Leider erfährt man dabei kaum etwas über das „wahre“ Cuba. Bin seit 13 Jahren mit einer Cubanerin verheiratet und meine Frau spricht nicht über „Flair“, für sie ist es ein „lucha“(-Kampf).
    Cuba ist eines der sichersten Reiseländer in Südamerika und man kann auch alleine Reisen!
    Wenn man natürlich mit den CUC Scheinen, teuren Kameras oder Schmuck wedelt, kann man schon einen auf den Kopf bekommen-in anderen Ländern aber auch…..
    Fahrt ein zweites Mal hin, ohne Führung und ihr werdet ein freundliches und gastfreundliches
    Land vorfinden, mit vielen Problemen, aber auch mit noch mehr Lösungen…
    Gruss

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    • tonari schreibt:

      Hallo Thomas,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Du nimmst damit das Fazit schon vorweg: Gut geschnuppert und beim nächsten Mal in eigener Regie.
      (Das machen wir in anderen Ländern auch so, aber die Infos über Kuba bezüglich der Versorgungslage mit benzin etc,. waren sehr, sehr unterschiedlich. Wir haben uns einfach (noch) nicht getraut.)
      Einen Kulturschock hatten wir nicht. Dafür haben wir im Vorfeld viel gelesen, auch die Kulturschockreihe 😉 Und als „gelernte Ossis“ haben wir uns eh nicht so die Wundermütze aufgesetzt.
      Gruß von Frau Tonari, die sich freuen würde, wenn Du auch die anderen Teile des Berichtes weiter verfolgst

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