zwischen Mangel und Flair – Teil 5

Wir verließen Holguin und kamen in die Provinz Granma, als der Bus von uniformierten Personen an einem Kontrollpunkt angehalten wurde. Zunächst dachte ich noch an einen ganz harmlose Verkehrs- oder Passkontrolle. Wer weiß schon um die Sitten beim Überschreiten kubanischer Provinzgrenzen, nicht wahr?

Unser Fahrer stieg mit diversen Papieren in der Hand ziemlich gelassen aus.  Also kein Grund zur Sorge. Plötzlich wurde es jedoch ziemlich unruhig im hinteren Teil des Busses. Alle waren aufgestanden und starrten zum Fenster hinaus. Einige lachten nervös… Für mich sah es von Weitem aus als würde unter Aufsicht ein PKW abbrennen, denn es kam ziemlich starker Rauch aus dem Innenraum. Eigentlich kein Grund zur Heiterkeit. Es dauerte einen kleinen Moment bis ich begriff, dass es sich keineswegs um einen Unfall, sondern um das gezielte Ausräuchern des Autos handeln würde. Oh, nein!!!

Einen Wimpernschlag später griff unsere Reiseleiterin zum Mikrofon und bat uns, alle auszusteigen. Solche Einheiten sind mit der Bekämpfung von Überträgermücken des Dengue-Fiebers beauftragt. Nach einem Hurrikan wie Sandy sei die Gefahr von Seuchen besonders groß. Darum ist man sehr vorsichtig. Wir müssten unsere Hände mit Natriumhypochloridlösung desinfizieren und man müsse auch den Bus behandeln.  Die Vorstellung, mich vielleicht gleich wieder in einen noch nicht richtig durchgelüfteten Bus setzen zu müssen, der wenige Sekunden zuvor mit irgendwelchen Schädlingsbekämpfungsmitteln „verseucht“ wurde, löste bei mir eine mittelschwere Panik aus. Weiß ich, ob das Zeug wirklich so harmlos ist, wie uns die Reiseleiterin mehrfach versicherte?! Hilfe!!! Was sagt die WHO zum Versprühen von Insektiziden in Innenräumen? 😉

Nee, im Ernst, mir war wirklich nicht zum Lachen zu Mute. Als ob sich die Mücken ausgerechnet Autos oder LKW als Transportmittel aussuchen oder sich als subversive Elemente in klimatisierten Reisebussen ausländischer Touristen verstecken würden. Und ob man uns bezüglich der Ungefährlichkeit des eingesetzten Mittelchens die Wahrheit sagte, wage ich auch stark zu bezweifeln.  Gebranntes DDR-Kind…

Moskitos_1Die Rucksäcke schnappend, keinesfalls wollte ich auch die „behandeln“ lassen, stiegen wir nacheinander aus dem Bus, hielten dem Uniformträger artig unsere Hände hin und wurden aus einer Plastikflasche mit einigen Tropfen Flüssigkeit beträufelt, die wir demonstrativ und sehr brav auf den Handflächen verrieben. Ich konnte mir allerdings nicht verkneifen, daran zu riechen. Und, sagen wir mal so, Natriumhypochlorid „duftet“ stark nach Chlor. Diesen typischen Geruch habe ich jedenfals nicht wahrnehmen können. Simples Leitungswasser mit Kochsalz als Placebo?

In der Zwischenzeit beschäftigten sich die „Moskitos“, wie diese Trupps im Volksmund genannt werden, mit dem Kofferraum im unteren Teil des Busses.  Ich versuchte mich derweil mit dem Knipsen der Fahrzeuge auf der anderen Straßenseite abzulenken und rüstete gedanklich schon ziemlich auf. Ein bisschen leid tat es mir jetzt schon um den besten Mitreisenden von allen, der gleich den allerersten 1a-Hysterieanfall seiner langjährigen Ehefrau miterleben müsste, wenn die Jungs mit den startklaren Pustemaschinen in unseren Bus steigen würden.

Moskitos_2

Hermes oder Merkur sei Dank. Die Schutzgötter der Reisenden, Kaufleute und Diebe hatten ein Einsehen und verschonten uns. Mit der Ausräucherung des Kofferraumes schien der Auftrag hinlänglich erfüllt. (Oder man hat mir mehr als deutlich angesehen, dass bei konsequenter Fortführung des Prozesses es unweigerlich zu diplomatischen Verwicklungen führen würde *zwinker*) Puh. Durchatmen. Der Blutdruck kann wieder runter, die Halsschlagader abschwellen, der Puls zur Ruhe kommen.

Ich bin der Meinung, dass es besser und effektiver ist, präventiv zu  wirken und beispielweise, wo immer möglich, Larvengewässer zu verhindern als Reisende solchen (unsinnigen) Prozeduren auszusetzen. Wir erfuhren, dass man das aber parallel macht. Übrigens auch ein Grund, warum es auf kubanischen Friedhöfen – bis auf wenige Ausnahmen – keine Blumenvasen mit frischen Blumen gibt.

Auch im Stadtbild tauchten später immer wieder einzelne Personen oder ganze Räuchertrupps auf, die mit einer Art benzinangetriebenem, umgekehrtem Staubsauger unterwegs waren. Erschreckend jedoch, wie wenig sie sich selbst vor dem Insektizid schützen (konnten). Ein Mund- und Nasenschutz aus Stoff ist für meinen Geschmack doch zu wenig.

Moskitos_3

Hättet ihr gelassener reagiert?

Okay, kleine Episode am Rande. Weiter nach Bayamo…

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17 Antworten zu zwischen Mangel und Flair – Teil 5

  1. minibares schreibt:

    Oha, was für hilflose Versuche, einer Seuche Herr zu werden?!?!?!
    ich erinnere mich an das Desinfektionszeug im Krankenhaus, als ich zu unserem Enkel wollte. Nach diesem einen Mal waren meine Hände völlig rau.
    Denn leider gab es danach für mich keine Chance mehr, ihn lebend zu sehen.

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  2. kalle schreibt:

    Hallo Tonari,

    das sind sehr ausführliche Reiseberichte, untermalt mit eindrucksvollen Bildern. Aber genau so habe ich mir Kuba vorgestellt, besonders die alten Autos, die dem Stadtbild einen ganz besonderen Charme verleihen….Keine Ahnung wie ich reagiert hätte. Höchstwahrscheinlich gelassener als mein Mann, der sich danach auch nicht mehr in den Bus gesetzt hätte.
    Auf jeden Fall sind die Berichte sehr interessant, und man erfährt viel von dir über das Land, als ob man selbst daran teilgenommen hätte – Danke!

    Liebe Grüsse und schönen dritten Advent, kalle

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    • tonari schreibt:

      Danke, lieber Kalle. Das sind die Kommentare für die sich die Mühe lohnt. Manchmal frage ich mich nämlich, ob es überhaupt von Interesse ist…
      Ja, Kuba hat auch bei mir alle Klischee-Erwartungen erfüllt. Und es kommen ja noch ein paar Reisetage 😉

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  3. Tine schreibt:

    Ich lese deine Reiseberichte auch voller Begeisterung! Aber das weißt du ja. Du könntest deine Brötchen auch mit Reiseführerschreiben verdienen. Ich liebe das, wenn man das Gefühl hat, origamigefaltet im Köfferchen mitzureisen (naja, sagen wir lieber im Rucksack, den hast du ja immer an der Frau…) 😉
    Und nein, mir wäre bei der Räucheraktion auch nicht wohlig gewesen!

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    • tonari schreibt:

      Danke, liebes Tinschn. Ich war schon in Sorge, dass meine Gruselstory keine „Abnehmer“ findet 😆

      Mit dem Rucksack hast Du recht. Das ist nämlich ein genialer Fotorucksack. Unten für die große Knipse, die Filter, Ersatzakku, Speicherkarten etc. und oben für Kleingeld, Reiseführer, Stadtplan. Ohne das Ding fühl ich mich im Urlaub wie amputiert. Der Liebste bietet immer mal an, ihn auch tragen zu wollen, aber neeeeeee. Frau bekommt sonst Panik, sie hätte ihn irgendwo stehen lassen. Den Rucksack, nicht den Liebsten 😉

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  4. kormoranflug schreibt:

    Diese Räucheraktion hätte mich zur Panik veranlasst. Wie kommt man ohne Bus zurück?
    Bei Rückflug aus der Karibik wird in manchen Airlines Insektenvernichtungsmittel über die Köpfe der Passagiere versprüht (gegen Einwanderung der Mücken in Europa).

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    • tonari schreibt:

      Das hörte ich inzwischen auch von Südamerikareisenden. Gruselig. Ich glaube, da hätte mich echt Panik erfasst. Das ist definitiv und ungefragt ein gefühlter Angriff auf die körperliche Unversertheit.

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  5. juzicka schreibt:

    ojemine du armes… ich bekomme auch sofort panik wenn ich auch nur das kleinste gefühl habe es habe irgendwo Insektiziden in Innenräumen? Ich vertrage nicht mal diese elektrischen insektendingers für ihn die steckdose.. aber Placebo !!!! :O)
    Ich hätte mir bestimmt ein tuch über nase und mund gebunden .. so bin ich dann wieder ! Und überhaupt ; was hat das denn für doofe mücken dort ?! Aber hast dann ja glück gehabt .. gott sei gedankt .. und deine mitreisenden wohl auch !!! ( ich lache nicht nein nein )

    ich hätte def. NICHT gelassen reagiert.. mich hätte man vermutlich sofort von der insel verwiesen . Ich mähe alles nieder bei panik !!!!

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  6. Inch schreibt:

    Ehrlich? Ja, ich hätte vermutlich gelassener reagiert. Aber ich komme auch ursprünglich aus der Landwirtschaft und weiß, wie effizient sich die Verbreitung von Tierseuchen früher vermeiden ließ, was heute, bei all den Ausnahmeregelungen für „wichtige“ Firmen kaum möglich ist.
    Ob die Maßnahmen, die dort durchgeführt wurden, tatsächlich etwas genützt hätten, mag ich nicht beurteilen. Und dass die Giftversprüher und Räuchermännlein selbst ungenügend geschützt waren, ist natürlich auch nicht zu verantworten, ist aber meines Erachtens nicht nur ein Zeichen von Unverantwortlichkeit, sondern evtl auch von Armut.
    Und um noch mal zum Punkt zurück zu kommen. Ich hätte natürlich darauf bestanden, dass der Bus mindesten 1h ausgelüftet wird, bevor ich ihn wieder besteige. So gelassen bin ich dann doch nicht 😉

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    • tonari schreibt:

      Danke. Ob aber die Reisegruppe eine Stunde gewartet hätte 😉
      Ich denke auch, dass der mangelnde Schutz der Schädlingsbekämpfer daran liegt, dass man nicht genügend Schutzmasken oder -anzüge hat. Und parallel dazu wird man ihnen nicht zwingend auf die Nase binden, wie ungesund das Gift vielleicht auch für sie ist.

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  7. ute42 schreibt:

    Huch, das war ja abenteuerlich. Gut, dass der Bus nicht „ausgeräuchert“ wurde. Ich glaube, da wäre ich dann auch nicht mehr eingestiegen. Da habt ihr ja nochmals Glück gehabt.

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  8. paradalis schreibt:

    Oh je, trotz der Problematik musste ich jetzt echt schmunzeln. Ich dachte gerade an die Reise nach Bangkok, mit St., meinem besten Freund. Es war gerade die Zeit der Schweinegrippe, und alle „Ureinwohner“ liefen mit Mundschutz herum. Wir hatten ständig Desinfektionstücher in der Hand, sobald wir auch nur irgendetwas anfassten, benutzten wir die Tücher. Und ab und an haben St. und ich uns angeschaut, und „Oink Oink“ gegrunzt. Und uns vor lauter Lachen nicht mehr einbekommen.
    🙂
    Darüber lachen wir heute noch. Danke fürs „in Erinnerung bringen“.
    🙂

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