zwischen Mangel und Flair – Teil 2

Der Wecker schrillte uns gnadenlos um 6.30 Uhr aus dem Bett. Ein wenig länger hätte der Nachtschlaf gefühlt schon noch anhalten dürfen, aber die Abfahrt des Busses war für 8.30 Uhr angekündigt. Schließlich waren wir neugierig und wollten ja vom Land viel sehen.

Frühstück gab es in einem großen und nicht besonders gemütlichen Saal mit Bahnhofsatmosphäre, aber auch hier bestätigte sich am Buffet der Eindruck des Vortages: den CUC-Touristen sollte es an nichts mangeln. Allerdings auch nicht an den Krümeln des Vorabends auf den Tischdecken 😉

Papaya, Guave, Bananen, Brot, Wurst, Käse, Reis, Spiegelei, diverse Küchlein… alles da. Die im Vorfeld gelesenen „Gruselstorys“ über leer gebliebene Mägen von Touristen erwiesen sich  – sagen wir mal – als veraltet. Und so blieb es auch bis zum Ende unserer Reise.

Merke: Die Mitnahme von Lebensmitteln macht für Pauschalreisende mit gebuchter Verpflegung keinen Sinn, außer sie leiden an irgendwelchen Unverträglichkeiten. Ansonsten haben wir feststellen können, dass es genug abwechslungsreiche und eine mitunter sehr leckere Auswahl gibt und man keinesfalls mangelernährt wieder heim fliegt. Uns hat das Fleisch von Huhn, Schwein und Rind sogar deutlich besser geschmeckt als in Deutschland. Nur der Kaffee blieb bis zum Ende ein Trauerspiel. Erinnerungen an Rondo Melange oder Mocca Fix – also DDR-Kaffeesorten –  sind nicht so weit hergeholt 😉

Hotel_PernikWenige Tage vor unserem Abflug hatte der Reiseveranstalter mitgeteilt, dass  aufgrund der Auswirkungen des Hurrikans „Sandy“ die ersten beiden Tage anders als geplant verlaufen müssten. Santiago de Cuba wurde zu meinem großen Bedauern leider aus dem Programm gestrichen. Aber, wenn die Stadt großenteils in Trümmern liegt, Wasser, Strom und Telefon nicht funktionieren, Menschen um ihre Existenz kämpfen und das vorgesehene  Hotel schwere Schäden davon getragen hat, muss man die Urlauber wahrlich nicht zu Katastrophentouristen machen, die gaffen und knipsen und wohlmöglich rumnörgeln. Insofern war es wohl letztlich eine gute Entscheidung, neue Programmpunkte aus dem Hut zu zaubern. Statt ins Museum des 26. Juli in der ehemaligen Moncada-Kaserne würden wir also nach Birán fahren. Dem Örtchen, in dem Fidel Castro geboren wurde und aufwuchs. Vielleicht gar kein so schlechter Auftakt.

Nachdem wir die „Finca las Manacas“, auch als „Casa de Fidel“ bezeichnet, nach knapp zweistündiger Fahrt erreicht hatten, wurden die wenigen Fotografierwilligen zunächst um 10 CUC (entspricht 10 $) erleichtert. Ansonsten hätte der Fotoapparat im Bus bleiben müssen. Das war zwar bisher definitiv die teuerste Knipserlaubnis meines Lebens, aber ich nahm es als „Spendengroschen“ für den Erhalt des vor zehn Jahren eröffneten Museums.

Das Anwesen hatte Ángel Castro, der Vater von Fidel, Raúl und weiteren Geschwistern 1915 gekauft. Es gab eine Post mit Telegraphenapparat, einen Laden, eine Bar bzw. ein Restaurant, einen Hahnenkampfring (unter dem Baum auf dem Foto links), eine Schule, ein kleines Hotel, wohl auch eine Bäckerei und eine Metzgerei und natürlich die Holzhäuser der Familie Castro.

BiranDas Geburtshaus brannte 1954 ab. Zu sehen ist heute eine originalgetreue Kopie.

Biran_1

Biran_4Das Babybett von Fidel, der den Spitznamen „das Pferd – el cavallo“ trägt.  Er wog bei der Geburt 5 Kilogramm. Man erzählt, seine Mutter meinte, unter Wehennoch scherzend,  sie bekäme kein Kind, sondern ein Pferd.

Biran_In dieser schlichten Grundschule lernten die Kinder der Familie Castro, aber auch die der armen Landbevölkerung.

Biran_2

Biran_3Die Eltern wurden auf dem Anwesen begraben – der Großgrundbesitzer Ángel Castro 1956 und seine Frau Lina Ruz González 1963.

Biran_5Die Strohhütten der haitianische Arbeiter auf der Zuckerrohrplantage lagen etwas abseits der eigentlichen Farm. Betont wurde immer wieder, sie seien keine Sklaven gewesen.

Biran_6Wohltuend war, dass es im Museum keinen allzu großen und übertriebenen  Personenkult rein um Fidel Castro gab.  Man kann durch das Leben der Eltern und der Kinder zu jener Zeit streifen, es gibt natürlich auch etliche Fotos und Erinnerungsstücke zu sehen und man bekommt eine leise Ahung, warum der junge Fidel kein Interesse an seinem Erbe verspürte und der eigenen Gesinnung nachging. Er hätte es bequemer haben können…

Wir hingegen konnten uns nun zurücklehnen, um im Bus durch die Gegend geschaukelt zu werden und am Nachmittag auf den Spuren des Herrn Kolumbus zu wandeln. Inzwischen hatten wir auch mitbekommen, dass unsere Reisegruppe aufgrund ihrer Gesamtstärke auf zwei Busse plus Guide aufgeteilt wurde und wir somit mit nur 20  Personen plus Reiseleiter unterweg swaren. Sehr komfortabel.

On the road to Bahia de Bariay…

unterwegs

Dieser Beitrag wurde unter Urlaub abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu zwischen Mangel und Flair – Teil 2

  1. regenbogenlichter schreibt:

    Interessanter Bericht… dankeschön…
    Liebe Grüße
    Ute

    Gefällt mir

  2. ich schreibt:

    ein wirklich schoen geschriebener und interessanter Bericht. Habe ich gerne gelesen

    Gefällt mir

  3. Monika schreibt:

    Guten Morgen,

    ja das ist wirklich sehr schön geschrieben. Ich leide an einer Unverträglichkeit. Deswegen nehme ich auch manchmal – nicht nur bei längeren Fahrten – etwas zum Essen mit. Kaffe selbst trinke ich nicht, zum Glück, wie man hier sieht.
    Ich finde es gut, dass ihr die Katastrophengebiete ausgespart habt. Trotzdem war es ja schön, was Du gesehen hast. Tolle Fotos.

    Viele Grüße

    Monika

    Gefällt mir

  4. paradalis schreibt:

    Danke liebe Frau Tonari, fürs „Mitnehmen“. 🙂

    Gefällt mir

  5. minibares schreibt:

    Wahnsinn, diese offensichtliche technische Rückständigkeit. Obwohl die Leute wohl damit zufrieden zu sein scheinen.
    Auf Castros Spuren, echt spannend.
    Neee, in die von Sandy heimgesuchten Gegenden muss man nur wirklich nicht. Das würde die armen, gebeutelten Menschen, die mit Aufbau und Mängelverwaltung beschäftigt sind echt nicht helfen.
    Danke für diesen wundervollen Bericht ♥
    Bärbel

    Gefällt mir

  6. ute42 schreibt:

    Also ein guter Kaffee würde mir fehlen, eigentlich muss es ja den auf Kuba geben 🙂
    Danke, dass du die 10 Dollar gezahlt hast, sonst hätten wir ja nichts zu sehen bekommen. Allerdings muss ich sagen, dass ich da normalerweise ziemlich sauer reagieren, wenn man Geld für die Fotos möchte. Aber das muss man in dem Land wohl „schlucken“.

    Gefällt mir

  7. Inch schreibt:

    Ja, danke für den Bericht. Und die schönen Fotos. Hm, das Geburtshaus von Fidel, das tät ich auch gern mal besuchen.

    Gefällt mir

  8. Himmelhoch schreibt:

    Das Bild mit den hintereinander aufgereihten Schulsitzbänken fand ich am interessantesten. Die hatten ja nichts, worauf sie schreiben konnten.
    Hier „Die Strohhütten der haitianische Arbeiter“ las ich statt „Hütten“ „Hüte“ und wunderte mich ein wenig, bis ich richtig hinguckte.
    Das Anwesen, in dem Fidel aufgewachsen ist, macht wirklich einen wohlhabenden Eindruck.
    Danke für deinen Bericht!

    Gefällt mir

    • tonari schreibt:

      Zu den Schulsitzbänken: Wenn Du mal genauer hinschaust, dann wirst Du sehen, dass an der Lehne der Vordersitzes ein Brettchen als Tisch angebracht ist. Insofern war es nur schwierig für die Kinder in der ersten Reihe.
      Aber entweder saßen da die Streber und die haben sich bestimmt was einfallen lassen 😉 oder die Klassenkasper zur Strafe 😉

      Gefällt mir

  9. Anna-Lena schreibt:

    Das sind ja teure Fotos 🙄 . Einerseits sehe ich ein, dass Museen und Ähnliches erhalten werden müssen, aber andererseits widerstrebt mir das gewaltig, ganz besonders in Kirchen, wie ich es kürzlich in Görlitz erlebt habe.

    Aber ich folge euch gern weiter auf Cubanischen Spuren…

    LG Anna-Lena

    Gefällt mir

  10. juzicka schreibt:

    frau tonari frau tonari frau tonari .. ist eine blöde zeit zum so spannende geschichten zu lesen wo ich die ganze zeit am schnutzligutzli backen bin … hmf. Darum hink ich auch grad biz hinterher :O)

    ich habe grad heute gesehen wie schlimm das unwetter auf kuba gewütet hat ! Gut seid ihr da nicht hin .., ich wäre vermutlich nackt zurückgekommen!

    die häuser sind schön.. das grab ist grandios .. wunderschön und so ein frühstück ( früchte ) würde mir auch gefallen:)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s