Symphonie der Regentropfen

Es sah wahrlich nicht gut aus, was uns der Wetterbericht ankündigte. Das Saisonabschlusskonzert der Berliner Philharmoniker drohte, wie bereits im letzten Jahr geschehen, ins Wasser zu fallen. Petrus scheint kein wirklich gutes Open-Air-Helferchen für die Waldbühne zu sein.

Beim Kauf der Karten war ich vor allem davon geleitet, Seiji Ozawa mal wieder dirigieren zu sehen und gleichzeitig dem Töchterlein und der „alten“ Leipziger Tante eine musikalische Freude auf den Geburtstagsgabentisch legen zu können. Nun, Herr Ozawa musste leider krankheitsbedingt absagen und Andris Nelsons einspringen. Bei der Musik von Peter Tschaikowsky ist es aber geblieben.

Pünktlich mit dem Gang zum Auto  fielen die ersten Tropfen auf unseren Picknickkorb. Ihr müsst wissen, dass diese Klassikkonzerte ein stadtbekanntes, kultiges  Happening für gute Stimmung und noch bessere Schnittchen, Salate und Getränke sind. *räusper* (Gestattet ist nur das Mitbringen von einem halben Liter alkoholfreiem Zeugs pro Besuchernase in PET-Flaschen oder Tetrapacks.)

Das Beine-in-den-Bauch-Anstellen zur Einlasskontrolle geriet bereits zur Regentaufe Bewährungsprobe für unsere Regencapes und die Unversehrtheit unserer Augen. Letzteres vor allen, weil die Attacken fremder, tiefhängender Regenschirmnupsel bedrohliche Ausmaße annnahmen. Die Stimmung war trotzdem unglaublich gelöst. Witzchen übers Wetter links und rechts.  Noch.  Dazu passend das unnachahmliche Michelinfrauchengefühl, denn schließlich wurde ja mit dem trockenen Sitzkissen schwanger gegangen 😉

Irgendwann war der Sitzplatz erreicht. Und eigentlich ist der Blick über bunte Schirme und vielfarbige Kapuzenmenschen auch ganz amüsant. Und wenn die Regenstärke so bliebe…

Blieb sie aber nicht.

Bevor  das erste Musikstück an unsere Ohren gelangen konnte, gab es zwei erfreuliche Botschaften von der Bühne:  a) man würde spielen und b) dem Publikum eine weitere Verwässerung ersparen, indem das Orchester auf eine Pause verzichtete.

Das Orchester konzertierte mit der Symphonie Nr. 5 E-Moll tapfer gegen die Regenfluten an.  Allerdings war unverkennbar, dass Petrus unbedingt Teil der Inszenierung sein wollte: mit steigender Dramatik der Musik nahmen Ströme von oben zu. Tapfer hielten die Zuschauer noch  aus. Obwohl sie alle vermutlich allmählich genauso durchnässten wie wir. Wasser findet eben seinen Weg. Nicht in meinen Nudelsalat, weil der gut vertuppert war und der verschlossen blieb, weil meine Lieben angesichts des Wassers von oben leider keinen Appetit mehr auf Nudel“suppe“ hatten. Aber durch die Schlupflöcher des Regenponchos.  Nass bis auf die Unterhose … das trifft es.

Als Daishin Kashimoto nach der Nichtpause zur Violine griff, um die Serenada melancolique zu geben, heulte sich der Himmel – passend zum Titel des Stückes – so richtig aus. Regen fiel trommelnd auf die Capes, Spritzer landeten im Gesicht und auf den Brillengläsern. Verwunschene Wassermusik statt Konzertgenuss. Leise Töne? Platsch. Pleng. Platsch. Plopp. Ploppplopp. Prassel.

Dann gaben wir auf. Nass von oben, nass auch von unten wegen der Sitzkissendurchweichung und außerdem beraubt um einen Hörgenuss. Auch andere  ergriffen die Flucht und suchten durch die Schlammpfützen den Weg zum Ausgang.

Wir fuhren gerade um die Goldelse, als mir Frau Frische Brise twitterte „Jetzt spielen sie „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft„. Sie hatte das nasse Geschehen am Hamburger Bildschirm komfortabler in Auge und Ohr behalten.

Etwas Positives hatte unser verfrühtes Konzertabendende: Die Glotze für das  Elfmeterschießen zwischen Italien und England wurde rechtzeitig erreicht.

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7 Antworten zu Symphonie der Regentropfen

  1. synchronuniversum schreibt:

    Vielleicht sollte man den Damen und Herren nahe legen im nächsten Jahr einen Song der Ärzte mit ins Repertoire aufzunehmen: „Der Himmel ist blau“. Bei den Jungs wirkte es zumindest bereits 3mal auf Konzerten in der Wulheide. Es regnete und kaum stimmten Bela & Co den Song an, biss sich die Sonne durch die Wolkendecke 😆

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  2. freiedenkerin schreibt:

    Och, neeeeee! 😕 Ich hab‘ an euch gedacht, als einer der vier lustigen Berliner Jungs, die im Rang im Tempodrom über uns saßen, und mit denen wir viel Spaß hatten, von einer Zigarettenpause draußen zurück kehrte und kopfschüttelnd meinte: „Det jießt wie aus Eimern!“…

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  3. Inch schreibt:

    „Gestattet ist nur das Mitbringen … in PET-Flaschen oder Tetrapacks.“
    Wohl damit randalierende Konzertbesucher die Musikanten nicht verletzen, wenn sie ihre Getränkegefäße nach denen schmeißen???

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  4. Himmelhoch schreibt:

    Erstaunlich, dass die da nicht von Tschaikowski auf Händels Wassermusik umgestiegen sind. – Wie schade für euch. – Vor ganz langer Zeit habe ich das mal so ähnlich erlebt und nur gedacht, dass pieksende Schirme genau so als „Waffe“ verboten sein müssten wie Glasflaschen.

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  5. ute42 schreibt:

    Bewundernswert, dass ihr es überhaupt so lange ausgehalten habt. Schade, das war sicherlich kein Genuss, weder für das Publikum noch für die Musiker.

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  6. M. schreibt:

    Ich lade euch für kommendes Jahr zu „Klassik unter Sternen“ in Zwickau ein und das meine ich ernst. Das ist auch immer wieder wunderschön und muss man erlebt haben. Wie wärs?

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  7. Bellana schreibt:

    Hoffentlich war es wenigtens warm genug, damit nicht auch noch eine Erkältung folgt. Schade um das Konzert, aber Pertrus richtet sich leider nicht nach den Open-Air-Veranstaltungen. Ich habe das auch schon mal ähnlich erlebt, die nasse Unterhose fand ich damals am schlimmsten.
    Grüßle Bellana

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