runter kommen sie alle

Genau drei Monate vor Eröffnung des neuen Berliner Flughafens „Willy Brandt“ testeten die Tonaris ihn am vergangenen Sonnabend schon mal an. Bereits im Sommer des vergangenen Jahres hatten beide den Tag der offenen Terminaltür besucht und dort erfahren, dass vor dem Go-Live 10.000  mutige Berliner und Brandenburger Versuchskaninchen benötigt und gesucht werden.  Wie oft im Leben bekommt man so eine Chance? Selten bis nie. Und drum wollten die Tonaris es unbedingt erleben, Simulanten Komparsen für einen Tag zu sein.

Die gute Nachricht zuerst: Sie mussten keine Koffer packen. Schleppen mussten sie dennoch welche. Aber davon ein bisschen später mehr.

In Empfang genommen wurden die rund 400, überwiegend männlichen Neugierigen am Bahnhof des „alten“ Flughafens Schönefeld und dann mit Bussen zum neuen Terminal gefahren. Vom Begleitpersonal gab es zwar keine Begrüßung, aber für alle eine kleine Sicherheitsbelehrung, schicke grüne Bauhelme, eine gleichfarbige Warnweste mit der Aufschrift „ORAT Flughafen-Tester“ und eine Identifikationskarte um den Hals.  Überhaupt war unser Bus- und Tourbegleiter etwas merkwürdig drauf. Forderte er uns im breitesten Slang Berlinerisch doch auf, im Anschluss an die Veranstaltung kräftig zu meckern und zu sagen, was nicht geklappt hat, denn „deshalb proben wir ja den ganzen Quatsch hier.“ Nun ja… Und weil wir noch ein bisschen Zeit hatten, bevor wir in die Haupthalle durften, kutschierte uns der Busfahrer freundlicherweise ein wenig über das weitläufige Gelände, an dem noch kräftig gebaut wurde. Frau Tonari hegte innerlich erhebliche Zweifel, ob alles rechtzeitig zum 3. Juni fertig werden würde. Herr Tonari sprach es aus 😉

Die Spannung stieg. Jede(r) Testdummy bekam zwei Bordkarten, wurde aufgefordert je zwei Koffer zu nehmen

und ganz normal einzuchecken. Der erste Flug ging als Mrs. Dora Gladkyi und Mr. Vladimir Derevyanko nach … Frankfurt. Naja, ein bisschen exotischer hätte es schon sein dürfen.  Also rein in die Schalterhalle und die große Anzeigetafel gesucht. Tja, Pustekuchen. Gleich hinter den Eingangstüren gab es mehrere Monitore zum Finden des Check-in-Schalters. Was folgte, war ein mittelprächtiger Stau mit Gepäckwagen und großen Koffern. Dem Herdentrieb folgend, fanden dann alle den Weg zur richtigen Check-in-Insel und stellten sich brav an. Lauter grüne Lemminge Männchen in Erwartung der Kofferabgabe. Wie im richtigen Leben eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Die Tonaris packten schon mal die Zeitung aus, denn irgendwie ging es nicht richtig voran. Frau Tonari lästerte ein wenig, ob dies eine Auswirkung des Streiks der Vorfeldmitarbeiter am Zielflughafen sei. Irgendwann stellte sich heraus, dass die Gepäckbänder nicht funktionierten.  Keine geplante Störung, sondern real. Um die Tester herum knipsten beauftragte Beobachter wie wild die Szene der sich ballenden Menschen samt Fluggepäck, da der gegenüberliegen Schalter auch nicht bedient wurde und von draußen neue „Passagiere“ nachströmten. (Unter Androhung des Ausschlusses waren den Versuchskaninchen selber Bilder nur im Außenbereich erlaubt. Zu gerne hätte Frau Tonari Fotos gezeigt, die an Tokyoter Verhältnisse erinnern.) Irgendwann ging es weiter und die Tonaris gaben ihr Gepäck auf. Dann zurück vors Gebäude und neue Koffer geholt. Schleisslich sollte das Band seinen Stresstest haben 😉  „Mit so viel Koffern würde ich ja nicht reisen.“  “ Ach, wir wandern aus. Da braucht man so einiges.“  Nachdem auch diese zum Teil recht schweren Koffer über das Gepäckband ins Nirvana verschwanden (und hinten für die nächste Runde wieder eingesammelt wurden), liefen die Tonaris bestimmungsgemäß durch die Sicherheitskontrolle. Thermoskanne und Wasserflasche wurden – wie erwartet – gefunden, durften aber heute ausnahmsweise passieren. Danach suchten Herr und Frau Tonari ihr Gate und fanden es problemlos. Leider war der Flieger nach all den Ladehemmungen beim Einchecken schon weg hatte der Marktplatz noch nicht geöffnet und auch die Toiletten glänzten mit Abwesenheit. Aber schick (neudeutsch: stylisch) sieht der Flughafen von innen aus. Jedenfalls  das, was man schon sehen konnte. Das gewählte Holz für die Verkleidungen gefiel der Frau Tonari sehr gut. In Verbindung mit viel Glas und Stahl eine gelungene Architektur. Angenehm aufgefallen sind die Lautsprecheransagen. Angemessene Lautstärke, kein Geschnarre, nicht blechern und nervig.

Wieder ein bisschen Warterei. Nach dem Boarding ging es leider nicht zum Flieger, sondern zurück in den Bus.

Der brachte die hungrigen Testdummys zum Bussammelplatz. Damit es keine laut knurrenden Mägen gab, bekamen alle Lunchpakete. Die beiden fastenden Tonaris waren Selbstgetränkversorger.

Ein grünes Gewimmel vor dem zweiten Durchgang war das auf dem Vorfeld.

Zeit, um auch mal aus der Ferne den neuen Tower zu knipsen. Der ist übrigens mit 72 Metern nach dem von Düsseldorf (87m) der zweithöchste Deutschlands. Mensch, die paar Meter hätte die Deutsche Flugsicherung nun auch noch drauflegen können 😉  Wäre bei 35 Mio. Eurönchen Baukosten bestimmt nicht ins Gewicht gefallen.

Frau Tonari war ist ganz scharf auf den Sicherheitshelm. Kurz gegen die Vorschriften verstoßend, weil auf der Baustelle Helmpflicht herrscht, hat sie sich zumindest ein Erinnerungsfoto mitgenommen. Den Helm musste man leider am Ende der Tour wieder abgeben. Auch Bitten und Betteln half nicht.  Und mausen wollte sie nicht…

Faszinierend, mal die Parkpositionspunkte der fliegenden Kisten an den Fluggastbrücken so nahe zu sehen.

Und während die Brötchen gegessen, der mitgebrachte heiße Tee getrunken, die Toilettenwagen aufgesucht oder sich nur die Füße vertreten wurden, bahnte sich am anderen Ende der Laufbahn ein Drama an:

Hier simulierten andere Komparsen und Pyrotechniker Rettungskräfte den Flugunfall eines Airbus 320 aus Moskau. Schade, dass dieses Szenario so weit weg war und man den großen Lösch-Panther nur in der Silhouette sehen konnte. Die Tonaris waren allerdings sehr froh, dass sie nicht ausgesucht worden waren, um Tote oder Verletzte zu spielen. Erstens soll man nicht unken (vor allem, wenn man viel fliegt) und zweitens war es trotz der Sonne reichlich kühl. So auf der Betonbahn herumzuliegen, macht bestimmt keinen Spaß.

Genug gegafft. Schließlich musste noch die zweite Proberunde gedreht werden. zwischenfallsfrei flog das Pärchen Cortebee und Mysenkov diesmal nach Brüssel. Ob es manchmal Ereigniskarten gibt, die die Mitspielenden in bestimmt Rollen zwängt? Rauschgiftschmuggler, Highjacker oder unbedarfte Pfefferspraybeisichhaber? Wir jedenfalls waren brav.

Für den Probetag gab es übrigens keine Aufwandsentschädiguung. Im Bus lag auf jedem Sitzplatz ein Beutel mit diversen Merchandising-Artikeln des Flughafens und der beteiligten Airlines: ein mickriges kleines Schokoladenherz von Air-Berlin, ein aufblasbares Nackenhörnchen von Ryanair, ein Stullenbrettchen von Lufthansa, Kugelschreiber, Zettelblock, Tasse, Lanyard (Schlüsselband), Werbeanhänger und einen Gutschein zum Besuch der Besucherterasse vom Flughafen selbst. Nette Geste.

Was leider fehlte, war der Feedbackbogen. Die Busbegleiter bemerkten dies zwar, aber einen Plan B für dessen Beschaffung hatten sie nicht parat. Und bei einem Verantwortlichen nachzufragen, kam ihnen irgendwie nicht in den Sinn.  Überhaupt hatte Frau Tonari so manches Mal das Gefühl, dass die Sache mit der Probiererei von manchen Mitarbeitern nicht so ganz ernst genommen wurde. Hoffentlich fällt ihnen dieses easy-going nicht auf die Füße. Eine Bruchlandung sei ihnen jedenfalls nicht gewünscht.

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30 Antworten zu runter kommen sie alle

  1. smultronella schreibt:

    Danke für den Einblick – mal sehen, wann ich mich das erste Mal da hintraue 😉

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  2. ankeberlin schreibt:

    Köstlich zu lesen! Vielen Dank für Deine Eindrücke. Ich bin mal gespannt, wie das dann in Reality läuft – bis es läuft. Und für uns ‚Moabiter‘ spielt ja die Anreise mit der ‚SSSSSSS – Bahn‘ dann auch noch eine große Rolle.

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  3. ute42 schreibt:

    Was ihr alles mitmacht. Ich finde das einfach super. Da wäre ich auch gerne dabei gewesen.
    Mit großem Interesse habe ich deinen Bericht gelesen. Wirklich schade, dass du den Helm nicht mitnehmen durftest.

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  4. Tine schreibt:

    Ich finde, du machst ziemlich coole Dinge… Und dann freu ich mich immer, Blogs zu lesen!

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  5. monisertel schreibt:

    Was für ein interessanter Bericht. So etwas gibt es hier bei uns ja nicht, da tummeln sich momentan nur nervende Streikende und genervte Passagiere!
    Am besten gefällt mir das Foto vom einsamen grünen Helm! Gut, dass Du Dir nicht alles verbieten lässt!
    Liebe Grüße
    moni

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  6. regenbogenlichter schreibt:

    Interessant das mal so zu sehen… wir werden wohl eher nicht in Berlin abheben, aber einen Flughafen von „hinten“ und als „Probeabo“ habe ich auch noch nicht gesehen… und wie heißt es immer..wenn die Generalprobe schief geht, klappt die Premiere… es gibt natürlich auch immer Ausnahmen von der Regel 😉
    LG
    Ute

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  7. minibares schreibt:

    Ein äußerst interessantes Erlebnis.
    Sowas passiert ja nicht alle Tage. Klasse erzählt, ich konnte gar nicht aufhören zu lesen.
    Der Spaß war ja doch da, sonst hättest du nicht so wundervoll geschrieben.
    Die grünen Männchen mit den dunkelgrünen „Hüten“ sehen echt super aus.
    Der Helm auf der Rollbahn, Klasse Idee!
    Danke für den schönen Bericht ♥

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  8. Bellana schreibt:

    Das war sicher ein interessanter Testbetrieb. So eine Möglichkeit darf man sich natürlich nicht entgehen lassen.
    Grüßle Bellana

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  9. bigi schreibt:

    na dann lassen wir uns mal überraschen – was das neue Bau- und FlugWerk so mit sich bringt. Für euch war es auf jeden Fall sicher ein Highlight 2012 oder? Ich stell es mir, jetzt nach dem Lesen deiner Zeilen noch spannender vor!
    Liebe Grüße von der (FR)Ostsee
    bigi

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  10. Martin schreibt:

    Dann weiß ich ja was mich demnächst erwartet. Bin am 10. April dabei.

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  11. kalle schreibt:

    Das wäre auch etwas für uns gewesen. Auf Barrieren gehört der neuen Flughafen ja auch getestet ;). Aber bestimmt machen sie dies automatisch…., liebe Grüssle Kalle

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  12. die3kas schreibt:

    Hoch interessant und welch ein Glück das es dann doch noch gut ging 😉
    nur ohne Berichte, na geht alles. Fragt man sich wann der nächste Testlauf startet.
    Hoffentlich nicht drei Tage vorher 😉

    Lieben Gruss zu dir
    kkk

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  13. yokohamaliebe schreibt:

    Wow, toller Bericht. Wie kommt man wigentlich an so einen Job?
    Ich werde im Juni von dort zurueck nach Japan fliegen. Hin komme ich noch ueber Tegel 🙂

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    • tonari schreibt:

      Beim Tag des offenen Terminals hatte man im letzten Jahr ein bisschen Werbung gemacht und anmelden konnte man sich über seine Webseite.
      Ein Job war es allerdings nicht. Eher ein Spaß für Neugierige 😉

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  14. Wortman schreibt:

    Was beschäftigen die da für Leute, dass man schon aufmalen muss, welche Flieger dort stehen dürfen? 😀 Sind ja auch nur kleinere/mittlere Maschinen 😉
    So ein Test ist bestimmt witzig. Hätte mir auch Spaß gemacht.

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  15. Gedankenkruemel schreibt:

    Interessant zu lesen.
    Mein nächste Flug ist dann voraussichtlich
    nach dort anstatt Schönefeld.

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  16. Ruthie schreibt:

    sososo. na da bin ich ja gespannt, was mein „verwandter“ dann mal dazu zu berichten hat. klingt alles bisher ein bisschen nach kuddelmuddel. aber sehr interessant geschrieben, wie immer!

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  17. Pingback: Frau Tonari

  18. Claudia Sperlich schreibt:

    Witzig und anschaulich beschrieben! Und irgendwie nicht so ganz richtig vertrauenerweckend. Hoffen wir, daß die Organisation im Ernstfall besser klappt.

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  19. auntyuta schreibt:

    „Frau Tonari hegte innerlich erhebliche Zweifel, ob alles rechtzeitig zum 3. Juni fertig werden würde. Herr Tonari sprach es aus . . . “
    Wir buchten unseren Flug nach Berlin Ende 2011. Wir wollten im September 2012 fliegen. Da der Flughafen schon im Juni 2012 in Betrieb genommen werden sollte, zwifelten wir nicht, dass wir dort in Brandenburg landen würden. Ja, dann wurden wir eines anderen belehrt. Wir hatten gebucht. Die Enttäuschung war gross, dass wir nun wieder in Tegel landen würden. 😦
    http://auntyuta.com/2012/09/13/first-days-in-berlin/

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